Mit verquollenen, roten Augen schleppte ich mich am frühen Morgen die Treppe hinunter. An Schlaf war kaum zu denken. Die halbe Nacht schluchzte und weinte ich, bis ich dachte, dass meine Tränen doch mal alle rausgeheult sein müssten. Doch es tauchten tatsächlich immer wieder neue auf. Mein ganzes Leben erschien mir nur noch wie ein purer Albtraum. Wie konnte in so wenigen Tagen aufeinmal alles aus den Fugen gerarten?
Die Diagnose Brustkrebs ist schon ein purer Schock. Eine beendete Beziehung, als wurde einem das Herz rausgerissen. Aber beides zusammen erscheint einem völlig vernichtend. Den Halt, den man sich durch seinen Partner erhofft hat, erweist sich als instabile Mauer an einem Abgrund. Nicht nur dass sie in sich zusammenfällt, wenn man sich an sie lehnen möchte. Nein, sie reißt einen in die Tiefe. Gerade jetzt, wo sie mich doch eigentlich vor dem Fall schützen sollte.
Natürlich habe ich schon zuvor mitbekommen, dass die Mauer zu bröckeln beginnt. Es lief einiges nicht mehr so, wie zu Anfang. Immer wieder wurde mir vor Augen gehalten, welchen Stellenwert ich hatte. Doch war ich naiv genug zu glauben, dass wir gerade jetzt durch diese Situation vielleicht endlich richtig zueinander finden würden. Dass der Egomane endlich sieht, dass da auch noch ein anderer Mensch ist und der ihn nun wirklich braucht. Vergebens.
Wir Frauen sollten uns endlich mal eingestehen, dass wir die Männer nicht ändern können. Hoffnungen, dass ihnen in gewissen Situationen endlich ein Licht aufgeht, sie sehen was sie an uns haben oder dass wir einfach bei manchen Dingen tatsächlich im Recht waren, gar nicht erst aufkeimen lassen. Sie sind wie sie sind. Und sie werden sich nicht ändern. Und es wird nie wieder so, wie es zu Anfang war.
Wenn man das verinnerlicht und vor allem akzeptiert, erst dann hat man wirklich eine Chance.
„Er hat Schluss gemacht.“ war alles was ich sagte, als meine Eltern und die Frau meines Vaters mich im Flur in Empfang nehmen wollten. In ihren Augen sah ich erst Fassungslosigkeit, dann Wut. Wut darüber, mich gerade in der wohl schlimmsten Zeit meines Lebens einfach hängen zu lassen. Jetzt, wo ich alle Kraft doch dafür brauchte, gegen den Krebs zu kämpfen.
Einige Minuten später kamen wir beim ambulanten OP der Klinik an. Die Warte- und Aufwachzimmer waren wirklich hervorragend ausgestattet. Ein Monitor mit Touchscreen befand sich an einem beweglichen Arm direkt neben der Liege. An diesem konnte man im Internet surfen oder aber fernsehen. Ich nutzte ihn trotzdem nicht, verbrachte die Wartezeit mit meinem Mama und Zweitmama, die dann während des Eingriffes ein wenig in der Stadt bummeln wollten.
Eine knappe Stunde später war es auch schon soweit. Ich wurde freundlich dazu aufgefordert, den bereitgelegten Kittel und die Haube anzuziehen und mich auf die Liege zu legen. Dann wurde ich in den Vorraum vom OP geschoben. Neue, angenehme Augen legten den Zugang und hielten kurzen Smalltalk mit mir. Es war schon in wenig unheimlich, so viele Menschen um mich herum zu haben, bei denen man dank Haube und Mundschutz nur die Augen sah.
Ich hatte zuvor erst eine einzige OP, direkt nach der Geburt meiner Tochter. Anstatt dass sich durch das sachte Ziehen an der Nabelschnur die Plazenta löste, riss die Nabelschnur. Da ich dadurch munter vor mich her blutete, legte man mich schlafen, um die Plazenta manuell zu entfernen. Da alles so schnell ging, bekam ich die Narkose noch im Entbindungssaal. Von Menschen mit ganzen Gesichtern statt nur Augen.
Nach kurzer Zeit sah ich dann auch zwei Paar Augen, die ich schon kannte. Die des Mannes, der mich nun operieren sollte und die des Narkosearztes mit dem netten Lächeln, der nun erstmal an meiner Seite blieb. Man stöpselte mir die Sauerstoffsonde in die Nase, nachdem ich in den OP geschoben wurde, erklärte mir noch kurz ein paar Details und dann gab es auch endlich den langersehnten Stoff um mich einschlafen zu lassen.
Das erste was ich bemerkte war, dass die Deckenplatten wegzuhuschen schienen. Als wäre man auf einer Autobahn unterwegs und könnte während der Fahrt immer genau unter sich schauen. Natürlich hatte ich direkt das Bedürfnis, das dem Anästhesisten gleich mal mitzuteilen. An den Fältchen an seinen Augen, konnte ich sein Grinsen erkennen. Das muss wirklich ein verdammt lustiger Job sein. Als nächstes fragte ich ihn, ob ich das Zeug nicht einfach das nächste halbe Jahr bekommen kann. Auch mein Bambiblick konnte ihn leider nicht überzeugen. Das lag bestimmt an meinem Outfit. Diese OP-Kittel sind einfach so gar nicht sexy geschnitten.
Noch bevor der erste Schnitt gemacht wurde, war ich eingeschlafen. Doch bevor der Port an Ort und Stelle saß, wachte ich schon wieder auf. Sowie ich die Augen aufschlug, beugte sich ein Kopf über mich und fragte mich ruhig ob alles in Ordnung sei. Ich nickte. Welches Augenpaar es war, konnte ich beim besten Willen nicht erkennen. Meine Augen waren einfach zu müde. Doch das Gerüttel des Arztes, den Port zu platzieren, schüttelte mich wohl wach. Ich hielt die Augen zwar die meiste Zeit geschlossen, konnte aber genau mitverfolgen, was sie gerade machten. Panik hatte ich keine. Das Mittelchen von dem netten Ärztchen war einfach viel zu gut. Ich könnte schwören, ich habe sogar gelächelt.
Nachdem ich noch halbwach verfolgt hatte, wie man die aufgeschnittene Stelle wieder nähte, wurde ich kurz darauf auch schon wieder in mein Aufwachzimmer geschoben. Mittlerweile war ich auch schon ein Stück wacher und bereute es, dass ich keine Panik vorgespielt hatte. Vielleicht hätte man mir dann ja noch eine Dosis verpasst. Gerade nach dem vorangegangen Tag tat es so gut, einfach mal abschalten zu können. Trotz allem für einen Moment einfach mal zufrieden zu sein und keine Angst haben zu müssen, vor dem was kommt.
Das Bett stand noch nicht mal an seinem ursprünglichen Platz, da kamen auch schon meine Mama und Zweitmama zurück. Ich merkte, wie ich von Minute zu Minute klarer wurde. Als der Narkosearzt nochmal nach mir schaute, erzählte ich ihm gleich nochmal, dass das Zeug was er da hat wirklich klasse ist. Aber auch dieses Mal ließ er sich leider leider nicht breitschlagen. Naja, ich hatte ja auch immernoch den Kittel an. Da half auch der Augenaufschlag mit den noch vorhandenen Wimpern nichts.
Ich wurde dazu verdonnert, viel zu trinken und baldmöglichst aufzustehen, damit mein Kreislauf wieder in Schwung kommt. Schließlich musste ich ja noch runter zum Röntgen, damit man wirklich sicher sein konnte, dass der Port dort sitzt, wo er sitzen soll. Ein kurzer Blick in den Spiegel zeigte, dass das gelbe Jod fast bis zu meinem Kinn reichte. Mit Jod waren sie scheinbar großzügiger als mit dem guten Zeug. Nach einer kurzen, notdürftigen Säuberungsaktion schälte ich mich aus dem Kittel und in meine Klamotten. Und das ohne den linken Arm groß zu bewegen. Ich wusste nicht wo genau der Schnitt war aber irgendwie hatte ich das Gefühl, es wäre besser, die betroffene Schulter nicht übermäßig zu bewegen.
Als mir die nette Ärzthelferin beim Röntgen geholfen hatte mich auszuziehen, bemerkte ich das erste Mal, dass ich mittlerweile keinerlei Schamgefühl mehr hatte. Ich musste mich obenherum in den letzten Tagen so oft freilegen und auch meine betroffene Brust erschien mir richtig fremd, dass es mir nichts mehr ausmachte. Nicht einmal dass ich übersehen hatte, dass die Tür nicht ganz geschlossen war.
Nachdem wir dann erfuhren dass die OP absolut erfolgreich war, der Port genau dort sitzt wo er sitzen soll, durfte ich – zurück beim ambulanten OP – erstmal auf die Toilette gehen. Dieser Gang sollte sicherstellen, dass wirklich alles nach der Narkose wieder funktioniert.
Nach einem abschließenden Gespräch mit dem operierenden Arzt, der nun sogar mal Lächeln konnte, einer Packung Schmerzmittel und den Worten „Wir sehen uns wieder wenn sie alles hinter sich haben.“, durfte ich nach Hause.
Nun war ich quasi soweit, die erste Chemo zu kriegen. Wir sind die Borg.