Einmal Express, bitte!

Das Wochenende vor der ersten Chemo war wirklich sehr durchwachsen. Die Ungewissheit, was da auf einen zukommt, welche Auswirkungen es auf den Körper haben wird, die pure Beklommenheit. Dazu noch der Herzschmerz.

Zur Chemo selbst begleiteten mich meine Mama und auch meine Zweitmama. Ich setzte ein Lächeln auf und schaltete mal wieder um in den Zahnarztmodus, in dem man einfach alles was gerade sein muss über sich ergehen lässt. Die Stimmung war gelassen, in Anbetracht dessen, was da auf mich zukam. Wir witzelten, lachten und erkundeten.  

Außer man erkundigte sich nach meinem Freund. Natürlich fragte man mich anfangs auch nach meinen familiären Verhältnissen. Somit erzählte ich von meiner Tochter, dem Rest der Familie und auch meinem Freund. Die innerliche Anspannung und der gewaltige Schmerz der Verlusts waren wohl Schuld daran, dass ich jedes Mal wieder in Tränen ausgebrochen bin, sowie man mich nach meinem Partner fragte. Ausnahmsweise machten mir mitleidige Blicke nichts aus. Mir ging es einfach scheiße.

Es kam mir vor, als müsste ich dieses Mal den Turbo einschalten, so schnell wie möglich über ihn hinwegkommen, damit ich mich nur noch auf mich und mein Alien konzentrieren konnte.
Und das tat ich auch. Das Wochenende zerfetzten wir uns per Chat. Ich lies alles raus, was sich in der Zeit aufgestaut hatte. Nicht weil ich ihn unbedingt verletzen wollte, so wie er mich verletzt hat. Sondern einfach nur weil ich einfach alles loswerden musste, was schon Wochen lang in meinem Kopf seine Runden gedreht hat und von mir in die hintersten Ecken verbannt wurde.

Zu groß war die Angst er könnte mich verlassen, wenn ich diese Punkte anspreche. Gefördert von Aussagen wie „Ich bin lieber alleine unglücklich als in einer Beziehung unglücklich.“ oder „Eigentlich wollte ich ja eh keine Beziehung…“ taten ihrerseits ihr Werk und verunsicherten, ja lähmten mich, gewisse Dinge anzusprechen.

Ich weiß wirklich nicht, wie viele Stunden meines Lebens ich schon damit verbrachte habe, herauszufinden wann genau unsere Beziehung, die mich anfangs zum Schweben brachte, so umgeschlagen ist.

Als wir uns das erste Mal begegneten, war es für mich wie ein Blitzeinschlag. Wir verabredeten uns für den Tag nach der Hochzeit meiner Schwester, die meinen Lieblingsschwager in seiner Heimat kirchlich heiratete. Und diese Heimat war ungefähr die Mitte zwischen seinem und meinem Zuhause. Als er sich in dem Hotelcafé zu mir setzte und wir uns endlich berühren konnten, konnten wir beide nicht sagen, von dem das aufgeregte Zittern ausging. Ich könnte aber schwören, dass er es war.

Wir waren uns sofort vertraut. Vermutlich weil wir vorher schon wochenlang täglich im Teamspeak oder eben per Telefon miteinander redeten, uns alles mögliche voneinander erzählten, bis wir es beide nicht mehr erwarten konnten, uns endlich gegenüber zu stehen und zu schauen was dann passiert.

Es war perfekt. Er sagte immer genau im richtigen Moment das Richtige. Er gab mir das Gefühl der Geborgenheit und dass es völlig okay ist, dass ich noch ein paar Kilo zu viel auf die Waage bringe seit der Schwangerschaft, was mir persönlich wirklich sehr zu schaffen gemacht hat. Ich war bis über beide Ohren in diesen Mann verliebt. Ich sagte sogar Dinge wie „Das könnte er sein.“. Ich dachte wirklich, ich wäre endlich angekommen. Die Menschen um mich herum zogen mich sogar schon auf, weil ich ständig mit einem Dauergrinsen durch die Gegend lief.

Der zweite Besuch bei mir war für mich wie ein kleiner Selbsttest. Ich wollte sehen ob es nur ein Strohfeuer war oder doch mehr. Die Zeit mit ihm war genauso fantastisch wie das Treffen zuvor. Und dieses Mal viel mir der Abschied wirklich sehr schwer. Ich wollte diesen Mann am liebsten nicht mehr gehen lassen, einfach nur mit ihm zusammen sein. Wir taten uns gegenseitig so verdammt gut.

Einige Wochen später war dann ich an der Reihe, auch mal zu ihm zu fahren. Die erste Zugfahrt machte ich ohne meine Tochter, von der ich nicht wusste, wie sie so eine lange Reise verkraften würde. Außerdem gab es mir die Gelegenheit vorher selbst mal die Strecke und das Umsteigen zu checken.

Bei ihm war alles anders. Er hatte keinen Urlaub, war mitten in seinem Alltag. Schnell stellte sich heraus, dass er eigentlich gar keinen Platz für mich hat. Oder ihn eben nicht einräumen will. Nicht räumlich sondern zeitlich. Während wir bei mir immer total verknallt, wie Teenager Händchen haltend durch die Gegend gelaufen waren, war er Zuhause der Macho, wie er sich selbst gern bezeichnete. Man hätte denken können, wir sind einfach nur Kumpels, die miteinander einkaufen gehen. Die Leichtigkeit zwischen uns war spurlos verschwunden.

Ich verdrängte all die Zeichen, die darauf hinwiesen, dass wir auf ein unschönes Ende zusteuern. Ich wollte einfach diese Anfangszeit wieder haben, die mir so verdammt gut getan hat, mich regelrecht beflügelte. Das Leben einfach schöner machte. Doch die verletzenden Dinge wurden immer mehr, häuften sich an und wurden dann fein säuberlich in die hintersten Ecken des Bewusstseins geschoben. Da konnten sie noch so sehr toben. Sie wurden einfach weg ignoriert.

Mit der Zeit machte ich dennoch meinen Stellenwert bei ihm aus. Und der war leider wirklich nicht sehr hoch. Während ich dazu neige, meinen Partner ins Mittelpunkt meines Universums zu stellen, ist er eher der In-meinem-Sonnensystem-gibt’s-nur-mich-Typ. Beides wirklich sowas von bescheiden. Und es liegt wohl auf der Hand, dass zwei so unterschiedliche Menschen sich nicht wirklich gut tun. Hier zählt kein Wir ergänzen uns eben. Diese Konstellation ist ein Wir werden zu Grunde gehen. Nur eben der eine etwas mehr als der andere. Es herrscht einfach kein Gleichgewicht.

Oft stellte ich mir die Frage, welche andere Frau sonst noch geschlagene 7 Stunden auf ihren Freund warten würde, dass er endlich vom PC wegkommt, damit man noch zusammen einen Film sehen kann. Wenigstens das, wenn man schon nichts in der wenigen Zeit, die man miteinander hat, zusammen unternimmt. Welche Frau sonst noch trotz Unterstützung vom Staat das Geld zusammenhält, damit sie zu ihrem Freund fahren und so die Beziehung am Leben halten kann. Und wer verdammt nochmal würde sogar so weit gehen, seinen Job mehr oder minder auf die Beziehung auszurichten?

Heute frage ich mich, warum ich all das habe mit mir machen lassen. Wie hat er so oft im Spaß gesagt, wenn wir mal wieder rumgeblödelt haben? „Was stimmt mit dir nicht?“
Was verdammt nochmal stimmt mit mir nicht, dass ich mich so behandeln lasse? Ein völlig neuer Denkansatz…

Eine ganz liebe Bekannte, die ich mittlerweile tief in mein Herz geschlossen habe, gab mir genau die richtigen Denkansätze. Auch der Vergleich des Universums kommt von ihr. Man könnte sagen, sie hat mich ganz schön wachgerüttelt, mir vor Augen gehalten was richtig und falsch ist. Zumindest für mich.

Während alle um mich herum total entsetzt waren, wie mein Partner mich ausgerechnet jetzt hängenlassen kann, ihm teilweise sogar den Rücken zugewandt haben obwohl sie ihn schon länger kannten als mich, war ich viel zu sehr damit beschäftigt verletzt zu sein, statt klar zu sehen. Die Menschen um ihn herum hielten sich mir gegenüber entweder raus oder aber gingen mich an. Für sie war ich scheinbar an allem Schuld. Ich durfte mir von Menschen, die ich mal sehr geschätzt habe, wirklich wüste Dinge anhören. Vermutlich genauso wie mein Ex. Ob gerechtfertigt oder nicht muss jeder für sich selbst wissen.

„Das war der beste Zeitpunkt zu gehen.“ meinte einige Wochen später meine kleine Seelsorgerin, die sich schon Stunden über Stunden vor allem meine Beziehungsprobleme angehört hatte. Im ersten Moment fühlte ich mich ganz schön vor den Kopf gestoßen. Doch habe ich gelernt, sie weiter reden zu lassen. „Alles was dir nicht gut tut, löst sich von dir. Damit du dich jetzt einfach nur um dich kümmern kannst.“ Das war eine Denkweise, für dich ich bis dahin viel zu verbohrt in der Opferrolle gesteckt hatte. Ich spürte regelrecht, wie ein riesiger Ballast von mir gefallen ist. Sie hatte Recht.

Somit komme ich auch wieder zu dem Thema Warum ich? – Weil du unglücklich bist. Ich war unglücklich. Am Anfang so beflügelt und auf Wolke 7354. Der Absturz war wirklich verdammt tief und hat über Wochen, gar Monate wirklich weh getan. Es war an der Zeit, dem Schmerz endlich ein Ende zu setzen. Der Zeitpunkt war vielleicht nicht wirklich der Beste aber es war verdammt nochmal überfällig.

Und wie immer im Leben habe ich auch daraus wieder etwas gelernt.

Ich werde meine Planeten mal neu sortieren.

Ein Gedanke zu „Einmal Express, bitte!

  1. Sigrid Rühl sagt:

    Liebe Julia,
    deine Gedanken, Gefühle und Selbstreflexion haben mich sehr berührt!
    Auch die Art und Weise deines Schreibstils gefällt mir! Sehr ehrlich. ..ja authentisch.
    Dies ist der richtige Weg- der Aufarbeitung, derErkenntnis und des Loslassens , um einen neuen, guten Weg gehen zu können.
    Ich weis, du wirst alles schaffen, was du wirklich , mit der ganzen Kraft deines Herzens willst.Ich bin stolz auf dich und hab
    Dich sehr lieb!
    Deine Mama

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