Schon ein Tag nach dem Staging fuhren wir wie gewohnt im Doppelpack in die Klinik um endlich die restlichen Fakten und Ergebnisse der Biopsie und des Knochenszintis zu erfahren.
Ganz so groß wie am Tag zuvor war die Aufregung nicht mehr. Einen Großteil der Infos hatte ich ja schon. Aber nun wurde es Zeit, Nägel mit Köpfen zu machen und zu besprechen, was nun wie weiter passiert. Wann die Chemo losgeht und was für Zytostatika sie überhaupt einsetzen wollen und und und…
Endlich erhielt ich nun auch das letzte Stück des Puzzles, damit ich endlich wusste, wo ich genau stehe.
Knochen – Check!
Keine besonderen Auffälligkeiten, die auf eine Metastasierung hingewiesen hätten.
Nach einer erneuten kurzen Besprechung aller Ergebnisse des Stagings, gingen wir zu den Fakten über. Und diese hießen: Triple negativ.
Tripple negativ bedeutet, dass mein Alien nicht auf Hormone oder ein anderes zusätzliches Mittel anspricht, dass man sonst sehr gern mit verabreicht, um die Biester unter Kontrolle zu kriegen. Alles was mir nun helfen konnte, war die Chemotherapie. Alles worauf ich nun zählen musste.
Das klare Ziel hieß nun erstmal: Brusterhaltend.
Dadurch dass der Tumor so groß und nicht eingekapselt war, hätte eine vorherige OP bedeutet, dass sie mir die Brust hätten entfernen müssen. Wie ich später bei meinen Chemotagen erfuhr, ist das wohl auch das normal Prozedere. Erst alles rausschneiden, dann Chemo und dann ggf. Bestrahlung.
Wir einigten uns einvernehmlich darauf, erst die Chemo zu machen.
In der Ärztebesprechung wurde beschlossen, mir die sogenannte ETC – Dosisdicht Therapie, gemäß GAIN-Studie zu verpassen:
1. Teil: Epirubicin – 3x – alle 2 Wochen
2. Teil: Paclitaxel – 3x – alle 2 Wochen
3. Teil: Cyclophosphamid – 3x – alle 2 Wochen
Im Anschluss nach jeder Chemo soll es 24 Stunden nach der Infusion die Aufbauspritze „Neulasta“ geben, die das Knochenmark anregt, weiße Blutkörperchen zu produzieren. Die armen kleinen Dinger werden nämlich sowas von zerbröselt bei der Chemo, dass man ihnen da gern ein wenig unter die Arme greift. Auch wenn man oftmals davon hört, dass einem anschließend jeder Knochen weh tun soll.
„Dosisdicht“ heißt so viel wie: möglichst viel Wirkstoff in möglichst wenig Zeit. Dem Mistding soll keine Luft zum Atmen gelassen werden.
Jetzt ging es für mich erstmal nur noch darum, endlich anzufangen und ja keine Sitzung verschieben zu müssen. Wie bei einem viel zu langen Zahnarzttermin. Mund auf, Augen zu. Was gemacht werden muss, muss eben gemacht werden.
Meine Diagnose mit Erklärung:
gering diff. triple neg. Mammacarcinom rechts (NST) Lymphknotenmetastase
Diese Überschrift heißt quasi dass mein Alien recht stark vom normalen Gewebe abweicht, er nicht auf Hormone anspricht und Lymphknoten betroffen sind. NST = Neoadjuvante (auch primäre oder präoperative) systemische Therapie; heißt: Erst Chemo, dann OP.
cT3 = Tumor ist größer als 5 cm (das c steht dafür, wo der Wert bestimmt wurde. Bei mir c, wie clinical, also klinische Untersuchung).
cN1 = Lymphknoten sind befallen aber nicht verwachsen. Die 1 weist auch darauf hin, dass es nicht all zu viele sind. In meinem Fall vermutlich 4.
M0 = Keine Fernmetastasen (Juhu!).
G3 = Steht für Grading. In meinem Fall Grad 3: schlecht/niedrig differenziertes bösartiges Gewebe.
ER neg (0), PR neg (0) = Östrogen- und Progesteronrezeptorstatus. Bei mir gibts keine Hormonrezeptoren.
Her2neu neg (1+) = humaner epidermaler Wachstumsfaktor Rezeptor Nummer 2. Keine Behandlung mit Antikörpern möglich.
Ki-67: 80-90% = Mein Tumor hat eine Wachstumsrate von 80-90% (ja, das ist verdammt hoch!).
praemenopausal = Vor den Wechseljahren (wer hätte es gedacht…).
Nach diesen Massen an Neuigkeiten und dem Gefühl, mal wieder von allem erschlagen zu werden, in einem Albtraum festzuhängen und einfach nur aufwachen zu wollen, sind wir erstmal Frustshoppen gegangen! Ich habe jetzt sämtliche Geschenke für meine Tochter bis nächstes Jahr Weihnachten.
Leider sollte das kleine Hoch nicht lange Andauern. Am selben Abend beendete mein Freund unsere Beziehung.