Das Staging: Auf Herz und Leber

Endlich war es soweit! Der langersehnte Termin, bei dem ich endlich mein Puzzle vervollständigen konnte. Denn genau so kam ich mir vor. Als ich nach dem MRT erfuhr, dass nur die rechte Brust betroffen ist, war die linke sogleich das erste, nicht beschädigte Puzzleteil, das ich an das kaputte der Alienseite setzen konnte. Nun sollte endlich der Tag sein, an dem ich weiter puzzeln konnte. 

Nüchtern und bereits ein wenig durstig fuhr ich in aller Frühe mit der Frau meines Vaters in die Klinik und meldete mich im Brustzentrum an. Auf unsere Bitte hin wurde als erstes mein Unterleib beschallt. Das gehört normalerweise nicht zum normalen Staging, wurde uns jedoch von einem Professor empfohlen, der quasi ein Freund der Familie ist.

Eierstöcke – Check!
Ein weiteres Puzzleteil konnte gesetzt werden. Keine Auffälligkeiten. Dazu gab es noch einen Zugang in die Armbeuge, der in wunderbarem gynäkologischem Rosa gehalten war.

Die nächste Station war die Kardiologie, wo erstmal mein Herz unter die Lupe genommen wurde. Da die Chemo das Herz sehr belasten kann, ist diese Untersuchung sehr wichtig. Lustig war, dass sie nicht mal etwas von meiner Herzrhythmusstörung gefunden haben, die in Kindheitstagen bei mir diagnostiziert wurde.

Herz – Check!
Es war nicht einmal gebrochen.

Nach einem kurzen Zwischenstopp in der Nuklearen, wo mir lustiges Kontrastmittel gespritzt wurde, war der nächste Halt war das völlig überfüllte Wartezimmer für Röntgen und Ultraschalluntersuchung. So langsam aber sicher machte sich dann auch der Hunger und vor allem der Durst bemerkbar. Gegen 10:30 Uhr war dann auch die Lunge geröntgt. Das Röntgen selbst dauerte etwa 3 Minuten. Wovon 2 1/2 fürs An- und Ausziehen drauf gingen.

Die Wartezeit zu überbrücken half mir vor allem meine legendäre Whatsapp Gruppe „Julias Alien Info“, die ich einige Tage zuvor gegründet hatte. Dort geht es nicht nur um Befunde oder mein Wohlbefinden, sondern diese wunderbaren Menschen bauen mich auch jederzeit wieder auf oder lenken mich mit ihrer lustigen Art ab. Meine Hochachtung vor jedem, der an kommunikativeren Tagen nicht sein Handy wegfeuert oder die Gruppe verlässt. Ihr seid die Besten!

Nachdem eine Frau sich immer wieder versuchte vorzudrängeln, jedes Mal aber wieder von dem Arzt abgewimmelt wurde, war ich gegen 12 Uhr endlich mit dem Thorax Röntgen dran. Das wurde auch allerhöchste Zeit. Ich spielte schon mit den Gedanken, das Rollo runterzulassen und nachzusehen ob ich schon Simpsons-like strahle oder aber jemanden mit einem Becher Wasser zu überfallen.

Auch dieser Arzt war sehr freundlich und wirkte wie seine Kollegen zuvor sehr kompetent. So stellte ich es auch nicht in Frage, als er mich darum bat, den Tumor mal betasten zu dürfen. Seltsam wurde es erst als er meinte „Und jetzt die andere Seite zum Vergleich.“.

Da dieser – wie er erzählte – frisch gebackene Vater mir aber direkt im Anschluss mitteilte, dass er keine Metastasen oder ähnliches finden konnte, durfte er auch ruhig mal meine Brüste begrabbeln. Danke für das Puzzleteil.
Thorax – Check!

Die nächste war meine Lieblingsstation. Die Cafeteria. Am liebsten hätte ich mir den Kaffee intravenös geben lassen. Den Zugang hatte ich ja noch.

Anschließend schlenderten wir wieder dorthin, wo die vielen lustigen Radioaktiv-Symbole an den Türen sind. Dieses Mal sogar ohne uns zu verlaufen. Ein Irrgarten ist nichts gegen ein verwinkeltes Krankenhaus.

Ich begab mich auf die Liege, die von einem monströsem Gehäuse umgeben war und schloss die Augen. Natürlich versuchte ich vergebens nicht daran zu denken, was es heißen würde, sollte der Krebs mir schon in den Knochen stecken. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor, bis die Skelettszintigraphie endlich fertig war.

Dann ging alles zurück auf Anfang, in das Brustzentrum. Ungeduldig hakte ich nach, ob denn bereits weitere Ergebnisse vorliegen. Natürlich war das Knochenszinti noch nicht völlig ausgewertet. Dafür aber meine Lunge.

Lunge – Check!
Da ich 13 Jahre lang geraucht habe, habe ich schon ein bisschen die Luft angehalten, als es um die Lunge ging. Dafür musste ich herzhaft lachen, als ich las, meine Lunge sei altersgemäß. Ich fühlte mich so alt.

Alt aber glücklich.

„Ich habe nur Brustkrebs.“

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