Vorbereiten, verbreiten und nicht verzweifeln

Die Warterei ist das Schlimmste. Plötzlich achtet man auf jede Kleinigkeit des eigenen Körpers. Jedes Stechen, was einem vorher wohl einfach nicht aufgefallen ist, sowie jedes winzige Muskelzucken lässt einen aufhorchen. Die pure Angst schnürt einem die Kehle zu. Diese Ungewissheit, nicht zu wissen wie weit der Krebs schon vorgedrungen ist, bereitet einem im wahrsten Sinne des Wortes schlaflose Nächte. Man sehnt sich nur noch den Tag herbei, an em endlich Klarheit herrscht. Auch wenn man höllische Angst vor dem hat, was man erfahren könnte. 

Und wie bekommt Frau am besten die Zeit rum? Richtig! Sie geht zum Frisör!
Ich rief also den Frisör meines Vertrauens an und erklärte ihm, dass ich dringend einen Termin bei ihm bräuchte. Er witzelte herum von wegen „Wie willst du sie denn haben? Alle ab?“ Er hat wohl nicht wirklich damit gerechnet, dass ich bejahe. Zumindest würde das erklären, warum er gelacht hat. Allerdings muss ich zu seiner Verteidigung sagen, dass ich ihm immer gesagt habe, dass ich sie nicht mehr kurz haben will. Umso heftiger musste er schlucken, als ich ihm erklärte, warum ich sie abschneiden lassen will. Schlussendlich gab er mir einen Termin nach Feierabend.

Da mein Freund mir kurzfristig den Besuch absagte, begleiteten mich meine Schwester und meine Tochter, wobei der Letzteren auch direkt ein neuer Haarschnitt verpasst wurde. Anschließend durfte sie zusehen, wie Mama sich auf den Stuhl begab. Der fesche Italiener mit der Schere musste immer wieder neu ansetzen, um meine Massen an dicken Haaren abzuschneiden. Als sie fielen, kullerten dann doch so eins, zwei Tränchen. Doch das Ergebnis war wirklich mehr als annehmbar und zeugte davon, dass der gute Mann sein Handwerk wirklich versteht. Mein Schwesterherz sorgte derweil dafür, dass die Stimmung schön oben blieb und die Kleine bespaßt wurde. Die Wassersprühflasche war eins der beliebtesten Spielzeuge.

haarschnitt

Mit diesem Bild entschloss ich mich dann auch dazu, meine Krankheit an die große Glocke zu hängen. Mit den Worten „Mögen die Chemo-Spiele beginnen!“ postete ich es direkt auf Facebook.
Einige waren erstmal verwirrt, andere total geschockt. Ja, ich gebe zu, dass es sicher sanftere Methoden gibt. Aber diese passt wohl ganz gut zu mir.

Ich hatte mir schon die Tage zuvor überlegt, ob ich lieber eine Perücke tragen möchte oder ob mir Tücher, Mützen, Caps und sowas ausreichen. Natürlich habe ich mich auch viel mit Frauen unterhalten, die selbst schon diese Prozedur hinter sich haben, mir ihre Meinungen und Erfahrungen angehört. Schließlich bin ich zu dem Entschluss gekommen, es offen zu leben.

Ich war schon immer mehr der offene Mensch, der sich weder versteckt noch verstellt. Also warum sollte ich das nun ändern? Ich habe nichts falsches oder anstößiges gemacht, um Brustkrebs zu bekommen. Und gerade wenn man mal in seinem Umfeld schaut, hat doch mittlerweile jeder jemanden um sich, der Krebs hat oder hatte.
Außerdem ist es mir lieber, die Leute sehen direkt was Sache ist, als dass sie sich dann das Maul zerreißen, weil meine Perücke eben nicht ganz so echt aussieht. Diese Entscheidung muss jeder für sich selbst treffen.

Damit hat sich dann auch schon mehr oder minder der nächste Punkt von selbst erledigt. Die Kommunikation der Krankheit. Viele Menschen sind so geschockt, gerade wenn man in jüngeren Jahren so eine Krankheit hat, dass man froh sein kann, wenn sie einen nur anstarren und nichts dummes oder unüberlegtes sagen. Also soll es am besten die ganze Welt wissen! Das ist reiner Selbstschutz.

Facebook war da ein guter Anfang. Ich streute es auch noch beim Lebensmittelladen sowie beim Bäcker hier im Dorf. Hier und da noch einer Tratschtante gesteckt und schon ist das ganze Dorf informiert.

Das Abschneiden der Haare war für mich genauso ein wichtiger Schritt der Chemo-Vorbereitung, wie das Anschauen von Videos, in denen Chemopatientinnen geschminkt wurden. Es war wirklich beruhigend zu sehen, dass man mit ein paar Handgriffen nicht mehr unbedingt wie ein haarloser Waschbär aussehen muss.

Ein Gedanke zu „Vorbereiten, verbreiten und nicht verzweifeln

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