Jetzt ist es amtlich: Brustkrebs!

Vielleicht ist es ja gar nicht bösartig.
Ich schob den Gedanken schnell wieder zur Seite. Lieber gehe ich erstmal in so einem Fall vom Schlimmeren aus, als dass ich dann enttäuscht bin.

Die Warterei, bis das erste Ergebnis vorlag, hat sich gezogen wie Kaugummi. Ständig kreisten die Gedanken darum, was denn nun wirklich Sache ist. Bösartig oder gutartig. Und so langsam gingen auch die ersten Gedanken in die Richtung, ob dieses Ding in meiner Brust sich auch schon anderweitig ausgebreitet hat. Eine mehr als gruselige Vorstellung.

Man hört ja von den verschiedensten Fällen. Bei dem einen hat es so schnell gestreut und ist so aggressiv, dass man nur noch lebensverlängernde Maßnahmen treffen kann. Wenn ich daran dachte, zog sich alles in mir zusammen und ein noch unwillkommenerer Gedanke begann zu keimen. Der, dass auch ich zu diesen Leuten gehören könnte.

Ich schob dieses Hirngespinst weit weg, in die hinterste Ecke meines Bewusstseins und holte lieber ein positiveres hervor. Etwas, woran ich mich festhalten konnte.
Eine liebe Bekannte hatte vor ein paar Jahren eine ähnliche Diagnose. Ihr Alien hatte allerdings seine Fühler schon sehr weit ausgebreitet, bis hoch in ihren Kopf.
Und sie rockte das Teil! Und zwar sowas von! Sie hat nie aufgegeben und meinte von Anfang an, dass sie anders ist und auch wenn es den Ärzten so lieber wäre, sie sich nicht Daheim vergraben und sich bemitleiden würde. Sie gab den Ton an, nicht der Krebs.

Und schwupps! Wurde sie zu meinem Vorbild! Natürlich blieb die Angst. Aber neben ihr nahm die Hoffnung platz.

Zwei Tage nach der Biopsie fuhren wir wieder in die Klinik, um die ersten Ergebnisse zu besprechen. Schnellwachsend und aggressiv. Und damit sowas von bösartig. Der minimale Hoffnungsschimmer war zerplatzt, wie die Seifenblasen, über die sich meine Tochter immer so freut. Die einfühlsame Ärztin zögerte nicht lange, ging um den Schreibtisch herum und schloss mich in die Arme, als mir die ersten Tränen die Wangen hinabkullerten. Es ist eine Sache, es zu vermuten und eine andere, es wirklich zu wissen. Damit war es amtlich: Ich habe Brustkrebs.

Mir wurde erklärt, dass man mir nun einen Port einsetzen würde. Ein seltsames Teil unter der Haut, worüber ich dann die Chemo bekommen sollte. Der Termin zur Vorbesprechung am nächsten Tag wurde auch gleich vereinbart. Genauso wie das Staging (Untersuchung von Knochen, Leber und Lunge) und den Tag darauf die Besprechung, welche Chemo am besten angewendet wird. Der Terminmarathon hat begonnen.

Mir erschien das alles total surreal. So oft habe ich dagesessen und wollte mich selbst wecken. Erkennen, dass alles nur ein ziemlich schräger Traum war. Sowas passiert doch immer nur anderen. Und auf einmal stecke ich mittendrin in so einer Scheiße!

Am nächsten Tag fuhren die Frau meines Vaters und ich zum Ambulanten OP Zentrum der Klinik, füllten nicht enden wollende Fragebögen aus und wurden dann in ein kleines Büro geleitet, wo wir den Arzt kennen lernen durften, der mich operieren sollte. Ein kleiner aber kompetent wirkender Mann, der entweder einen nicht so guten Tag hatte oder einfach von Natur aus nicht lächeln konnte.

Er fackelte nicht lang, schnappte sich eins von den Implantaten und wedelte damit vor meinem Gesicht herum, während er anfing zu erzählen. Ich wurde kreidebleich. Und immer kleiner in meinem Stuhl. Kurz darauf meldete sich lachend meine Zweitmama zu Wort und erklärte dem Arzt meine winzig kleinen Schwierigkeiten mit einfach sämtlichen Eingriffen an meinem Körper. Vor allem wenn man mich dazu pieksen oder aufschneiden muss.

„Es wäre total toll, wenn sie mir einfach nur mit kurzen Worten die wichtigsten Dinge erklären. Details können sie gerne weglassen.“ meinte ich zu dem Mann in Weiß, der mir auch schon ein Infoblatt über die Operation gegeben hatte. Ich habe es kommentarlos nach links gereicht, ohne es mir genauer anzusehen. Meine Zweitmutter und ich haben die Vereinbarung getroffen, dass sie alles liest. Wenn ich mal ganz mutig bin und doch etwas wissen will, wende ich mich dann vertrauensvoll an sie.

„Ich muss sie aber über mögliche Komplikationen aufklären und brauche ihr Einverständnis dass wir sonst den Schlauch an einer anderen Stelle in ihre Vene einführen dürfen.“ Örks. Diesmal kam ich also nicht drumherum, mir Dinge anzuhören, die ich gar nicht wissen will. Und dazu auch noch die ganz gruseligen. Sowas wie:
„Wenn wir aus irgendwelchen Gründen die Vene nicht nehmen können, müssten wir an die unter dem Schlüsselbein.“ – Meinetwegen.
„Da wir die Vene aber nicht richtig sehen können, müssen wir dann quasi blind stechen.“ – Waaaaas?
„Es könnte sein, dass dabei das Lungenfell ein wenig beschädigt wird.“ – Ich will nach Hause.
„Das ist aber nicht dramatisch. Da haben sie dann zwei Tage so einen kleinen Ausgang um die Luft abzulassen.“ – Gleich kotz‘ ich ihm auf den Schreibtisch.

Mir war ja klar, dass es wirklich nur um die Komplikationen ging. Aber sowas will man einfach nicht. Ich will nicht dass einer blind in mir herumstochert. Es gibt ohnehin schon viel zu viele Männer die blind herumstochern… auch wenn die glücklicher Weise keine Nadeln verwendet haben.

Der nächste Arzt war wesentlich angenehmer. Der Mann mit den Wunderdrogen. Und dazu auch noch nett anzusehen, mit seinem freundlichen Lächeln.
„Der Eingriff wird ohne Vollnarkose durchgeführt.“ – Öhm…
Vermutlich lag es an meinem Gesichtsausdruck, dass er so schnell weiter gesprochen hat.
„Aber wir geben einigen Patienten auch ein Beruhigungsmittel, bei dem ohnehin die meisten einschlafen und von der OP nichts mitbekommen.“
Ich riss meinen Arm in die Höhe und rief so laut, dass mich sicher noch der vorherige Arzt nebenan hören könnte: „Nehm‘ ich!“
Sein Lachen war übrigens auch ganz nett.

Wir vereinbarten anschließend noch an der Rezeption den OP-Termin für den Freitag in einer Woche. Mein persönlicher Tag des Borgs.

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