Wow! Diesmal bekam ich die luxuriöse Einzelzelle für Privatversicherte. Vermutlich waren alle anderen belegt oder die Schwestern hatten Mitleid mit mir, dass ich nach der netten Gesellschaft die letzten Male nun alleine war. Mir graute es ein wenig davor, mal wieder mit meinen Gedanken alleine sein zu müssen. Aber das Zimmer war toll. Größer, mehr Schränke, eine Schreibfläche, bequemere Stühle, größeres Bad und nur ein Bett. Als ich aber besagtes höherwertiges Bad betrat, musste ich lachen. Da lag doch allen ernstes ein Fön! Für welche Haare denn bitte?
Kaum dass ich mich eingerichtet und den Minikühlschrank entdeckt hatte, durfte ich auch schon zum Ultraschall des Bauches gehen. Darauf hatte ich bestanden, nachdem ich ein seltsames Druckgefühl im Oberbauch hatte. Als ich dann so auf der Liege lag, neben mir das Ultraschallgerät und zwei attraktive junge Ärzte, einer mit seiner Hand auf meinem Bauch, wurde mir erstmal bewusst, wie lange mich schon kein Mann mehr anfasste. Ich schob den Gedanken schnell wieder zur Seite und konzentrierte mich auf den eigentlichen Grund dieser Berührung. Beide Männer schauten konzentriert auf den Monitor. Vier hübsche Augen sehen mehr als zwei. Wah! Bleib bei der Sache!
Beide waren sie sich einig, dass alles bestens sei. Da konnte ich erstmal durchatmen. Meine größte Angst war, dass sich trotz Chemo Metastasen gebildet hätten. Mein Kopf wusste eigentlich dass das sowas von unmöglich war. Zumal die Chemo doch auch super anschlug. Aber die Angst packte mich und ließ mich einfach nicht mehr los, egal was ich ihr einreden wollte. Also waren es wohl doch die Schleimhäute des Magens, die da etwas abbekommen haben und nun murrten, zwickten und rumorten. Damit konnte ich leben. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Erleichtert und zurück auf dem Zimmer wollte ich es mir erstmal bequem machen. Irgendwie war es in der Klinik immer das gleiche. Die Frauen die sonst Perücken trugen, liefen mit Mützen oder „oben ohne“ rum. Viele schlüpften von ihren Kostümchen oder dem lässigen Jeans-Outfit in ihre Wohlfühlkuschelsachen. Man war unter sich und wusste, man würde nicht verurteilt werden. Und wenn doch war es ja ohnehin egal. In der Regel läuft man sich ja dann nicht mehr wirklich über den Weg. Und wenn doch, hatte der andere schließlich auch seine Gammelklamotten damals an. Zumindest ab dem zweiten oder dritten Besuch.
Nur hatte ich diesmal blöderweise meine Hose vergessen. Ein Glück hatte ich die Luxuszelle mit einem Bad, bei dem ich nicht vorher auf den Flur gehen musste, um es zu betreten. Trotzdem war meine Zweitmama so lieb mir meine Hose zu bringen. Und wenn sie schon dabei ist, auch meinen Laptop. So ganz alleine war es schon ganz schön wenn ich ein wenig Beschäftigung hatte.
Die Infusion des Cyclophosphamid verlief völlig problemlos. Das Gespräch mit dem Arzt ebenfalls. Er war so lieb sich nochmal zu erkundigen, ob es denn auch jetzt noch eine Möglichkeit geben würde, dass man meine Chance auf ein weiteres Kind erhöhen könnte. Leider war das nicht der Fall. Ich hatte bereits damit gerechnet, daher haute es mich nicht wirklich um.
Ein kleines Highlight war die Musiktherapeutin. Genau die, die damals bei dem allergischen Schock so super reagierte. Sie kam mit ihrem Wagen voller außergewöhnlichen Instrumenten ins Zimmer. Da ich total unschlüssig war was ich hören wollte, führte sie mir kurzerhand alle vor. Das eine oder andere durfte ich dann sogar mal selbst zupfen. Das Teil das aussieht wie eine Trommel mit vielen kleinen Metallperlen darin hatte es mir am meisten angetan. Es klang wie Wind. Je nachdem wie schnell oder langsam ich es bewegte, war es stürmischer oder windstiller. Es klang wie das Windrauschen an einer Küste. Da wäre ich jetzt gern.
Die Nacht dagegen war der reinste Horror. Ich wachte auf und musste sowas von dringend aufs Klo, dass ich schon befürchtete mich in meinem Bett zu entleeren. Durchfall. So ein Scheiß!
Als ich mich wieder von der Toilette in Richtung Bett traute, eine Schwester per Drücker um ein Mittel gegen Durchfall gebeten hatte und erstmal nur sitzen blieb und ans Fußende schaute, hab ich mich erstmal so richtig erschreckt. Da krabbelte doch tatsächlich eine Spinne in mein Bett! Ich hasse Spinnen! Nein! Ich hasse alle Insekten außer Marienkäfer! Zumindest wenn sie in meiner Nähe sind.
Ich zog schnell die Decke weg, damit sie ja nicht darunter huschen kann. Scheinbar hat sie sich dann genauso erschreckt wie ich. Sie eilte weg. Na super. Da liegt man in dem Bett und weiß, da krabbelt eine Spinne herum, die einen jederzeit wieder aufsuchen könnte.
Als die Schwester rein kam und mir das Zeug gegen Durchfall gab, flehte ich sie an, doch mal zu schauen ob sie irgendwo an meinem Bett eine Spinne sieht. Mit laufender Infusion, quasi voll verkabelt, kann man leider nicht so ums Bett springen, wie ich es am liebsten getan hätte. Meine Heldin! Die Spinne wurde zum Opfer ihrer flinken Birkenstockschuhe. Sie hat sie tatsächlich gefunden und gnadenlos eliminiert.
Wach war ich trotzdem. Also tickerte ich einfach mal in meine Aliengruppe und siehe da! Es waren tatsächlich um kurz vor 4 in der Nacht Leute wach. Vermutlich durch das Piepsen ihres Handys aber das ist ja Nebensache. Ich witzelte dass ich ja mal überlegen könnte wen ich anrufe und frage ob er auch nicht schlafen kann. Gerade unter der Woche freut man sich ja ganz innig über solche Aktionen. Da ich aber die Rache fürchtete, entschied ich mich dazu meine Haare auf dem Kopf statt Schäfchen zu zählen. Das eine oder andere Flaumhärchen war ja schließlich da.
Wenigstens 3 Stunden konnte ich schlafen, bis die Schwestern mit dem Blutdruckgerät und dem Fieberthermometer anfingen zu winken. Blutdruck und Kreislauf waren wohl zusammen durchgebrannt. Ich hoffte sie würden sich bald mal wieder blicken lassen und mir ein Päckchen Energie mitbringen.
Ich lies mir wieder etwas gegen die Übelkeit geben und ging anschließend runter ins Brustzentrum. Es wurde ja noch kein Ultraschall der Brust gemacht. Das wollte ich unbedingt nachholen. Gerade als wir im Behandlungszimmer waren und anfangen wollten, klingelte das Telefon. Eine Geburt ging los und die Ärztin musste weg. Also gut. Wieder hoch aufs Zimmer und weiter warten.
Am Nachmittag war es dann soweit. Der Oberarzt selbst übernahm die Sonografie. Da er aber auch von meinen Befürchtungen der Unfruchtbarkeit erfahren hatte, nahm er sich die Zeit, nochmal in aller Ruhe mit mir darüber zu reden. Er erklärte mir dass die Krankenkassen in der Regel eine (Teil-) Entnahme der Eierstöcke und ein späteres Wiedereinsetzen nicht übernimmt. Ich hätte es selbst zahlen können doch von welchem Geld? So viel hatte ich nicht und hätte ich auch nicht aufbringen können. Dafür dass nur die Chancen erhöht waren. Es gab keine Garantie, dass es wirklich etwas bringen würde. Zudem war der Tumor ja schnellwachsend und aggressiv. Es wären Wochen ins Land gegangen bis wir mit der Chemo hätten anfangen können. Das wiederum hätte mich vielleicht das Leben kosten können. Ein Risiko dass ich ohnehin nicht eingegangen wäre. Zu dem Mittel dass vor Chemo gespritzt wird meinte er, dass es umstritten ist ob es wirklich wirkt oder auch nicht. Einige Tests haben bisher gezeigt, dass es unbedeutend mehr Eizellen waren, die erhalten blieben. Natürlich würden einige unter der Chemo absterben, in den seltensten Fällen aber wirklich alle. Und wir Frauen haben ja ohnehin im Normalfall mehr als wir im Laufe unseres Lebens verballern. Damit waren die Vorwürfe den Ärzten gegenüber für mich durch. Jetzt musste ich nur noch lernen damit zu leben. Mal wieder Geduld aufbringen und schauen wie mein Körper und vor allem meine Eierstöcke die Chemo so überstehen. Die Zeit wird es zeigen.
Nachdem alle offenen Fragen geklärt waren und ich wieder volles Vertrauen in meine ärztliche Betreuung geschlossen hatte, machte er den Ultraschall. Er fuhr mit der Sonde über meine Brust, drückte hier und da ein wenig, fing von vorne an. Er runzelte die Stirn. Ich schaute nur noch zwischen Monitor und Oberarzt hin und her. „Stimmt etwas nicht?“ fragte ich. „Naja, wie man es sieht. Ich finde den Tumor nicht.“ Hä? Versteckte sich das Mistding jetzt auch noch vor uns? Der große schlanke Mann ging zu meiner Akte und schaute nochmal auf die vorherigen Bilder, dann kam er wieder zurück und suchte erneut. „Alles was ich noch finden kann ist ein wenig vernarbtes Gewebe. Schauen sie mal da.“ Er deutete auf einen kleinen Fleck, den man nur so erahnen konnte. „Ich würde sagen der ist weg. Das ist mit Sicherheit die richtige Stelle.“ Mir fiel alles aus dem Gesicht. Wie, weg? So ganz? Das Scheißding hatte sich tatsächlich aufgelöst! SIEG!
Auch als ich am Abend dann endlich wieder Nachhause durfte, konnte ich es noch gar nicht richtig fassen. Normalerweise werden vor der Chemo kleine Klammern an den Tumor gesetzt, wenn man davon ausgeht er könnte sich auflösen. Dann findet man die Überreste später besser. Das zeigt mir, dass wirklich niemand damit gerechnet hatte, dass das Alien sich komplett verpieselt. Auch das Gespräch mit dem Oberarzt über die anstehende OP beschäftigte mich noch eine Weile. Selbst wenn das Alien nun weg war, hieß das noch nicht dass auch wirklich brusterhaltend operiert werden konnte. Man müsste nach der Chemo erstmal eine Mammographie machen um zu sehen wo die ganzen Verkalkungen sitzen. Denn die müssen raus. Nicht alle Krebszellen machen Schwupps und sind einfach weg, sondern einige verkalken und werden somit zu kümmerlichen Überresten, die raus müssen. Aber die Chance darauf, meine Brust behalten zu können stieg dennoch. Er versicherte mir auch, dass man die zweite Brust dann anpassen würde. Er holte sogar ein Lineal raus und zeigt mir ab welchem Punkt die Brustwarze im Optimalfall 22 cm weg ist. Dort wird sie dann sitzen, sollten wir so operieren können. Mal wieder war mein Mund schneller als der Kopf, als mir klar wurde dass ich neue Brüste bekommen würde. „Na welche Mutter wünscht sich keine gemachten Gratistitten?“ Zum Glück war der Oberarzt recht locker drauf. Man sah ihm an dass er mit so einer Antwort nicht gerechnet hatte, lachte dann aber mit mir.
Am nächsten Tag fuhr ich dann Heim-Heim! Also in meine Wohnung. Mein Vater und seine Frau buchten schon vor einem Jahr ihren wohlverdienten Urlaub auf Sylt, den sie meiner Meinung nach auch unbedingt machen sollten. Seit über drei Monaten lebten meine Tochter und ich nun schon bei ihnen, würfelten auch ihr Leben durcheinander. Mir war klar, dass sie unbedingt mal wieder Kraft sammeln mussten und gönnte es ihnen von Herzen. So konnte ich Urlaub Zuhause machen.
Nachdem ich die Tage zuvor alles mit der Krankenkasse organisiert hatte, dass ich eine Haushaltshilfe für die 8 Tage bekomme, half mir ein lieber Freund bei meinem vorübergehenden Umzug. Es war so schön mal wieder in den eigenen vier Wänden zu sein nach so langer Zeit. Es kam mir richtig fremd vor. Manchmal kennt man das vom Urlaub. Man kommt zurück in sein Zuhause, ist aber kopfmäßig noch gar nicht so richtig da. Genauso ging es mir.
Schon am nächsten Mittag lernte ich die Unterstützung aus Kenia kennen. Wir verstanden uns auf Anhieb total prima. Natürlich war es seltsam jemand fremdes in seiner Wohnung zu haben, der dann auch noch herumwuselt, sauber macht, Staub wischt, putzt, aufräumt. Aber ich wäre wirklich nicht fähig dazu gewesen. Sie war der reinste Wirbelwind, konnte gar nicht lange sitzen und wirbelte durch die ganze Wohnung, hinterließ Ordnung und Sauberkeit. Nach 3 Monaten war hier wirklich einiges eingestaubt. Zudem hatte ich meine Wohnung ja auch wirklich recht schnell durch meine Ängste verlassen und ganz bestimmt vorher nicht mehr groß aufgeräumt.
Am Wochenende kam nochmal eine andere Frau, da die Afrikanerin an den Wochenenden keine Zeit hatte. Diese war ein wenig seltsam. Kochen konnte sie gar nicht und ich habe es vorher auch noch nie erlebt, dass mein Kind einem Erwachsenen auf der Nase rum gehüpft ist. Ich war völlig perplex. Zum Glück war diese Frau nur für zwei Tage da, so dass ich mich am Montag schon wieder über den Besuch der ersten Frau freuen konnte. Ich ging nur mal kurz duschen, kam aus dem Bad ins Wohnzimmer und die Couch stand in der Mitte des Zimmers. Dahinter ein Staubsauger und eine fleißige Biene, die wirklich ÜBERALL sauber machte. Meine Wohnung war wie geleckt. Und auch meine Tochter wurde wenn nötig in die Schranken gewiesen. Ich wollte diese gute Fee gar nicht mehr hergeben und konnte mich ruhigen Gewissens hinlegen und mich ausruhen. Ich wusste einfach, sie hat alles im Griff.
An ihrem letzten Tag bei mir, den die Krankenkasse leider auch nur Leuten ermöglicht die ein Kind und niemanden haben der ihnen helfen kann, rief mich die Klinik an weil meine Blutwerte der Zwischenuntersuchung so schlecht waren. Ich solle nochmal mein Blut checken lassen ob es nun besser ist. Ich verstand den Aufriss gar nicht. Sie waren kaum schlechter als das letzte Mal. Aber gut. Die Nadeln konnten mich sowieso nicht mehr erschrecken.
Ein Tag später war meine Geburtstagsparty! Ich hatte die ganze Woche noch organisiert und geplant, Getränke geordert und mit meinen Gästen besprochen wer was mitbringt. Ich habe mich über jeden einzelnen gefreut der tatsächlich gekommen ist. Leider gab es viele Absagen da mal wieder eine Grippewelle ihr Unwesen trieb. Aber meine Chemoschwester war da, einige Verwandte aus meiner Generation, alte Freunde und neue Freunde, Zocker und Familie. Wir haben schön in unserem Hof gegrillt und hatten durch die ganzen Mitbringsel Essen in Massen. Auf Alkohol habe ich verzichtet. Ich wollte meinen Körper nicht noch mehr schwächen. Abgesehen von einem Übernachtungsgast sind die letzten irgendwann um 2 oder 3 Uhr morgens gefahren. Es war einfach eine tolle Zeit mit noch tolleren Menschen.
Direkt am nächsten Tag ging es zurück ins Haus zu meinem Vater und seiner Frau. Schließlich stand die nächste Chemo wieder an. Und da ich immer kraftloser wurde, wollte ich meine Tochter und mich versorgt wissen. Wobei die Klinik nicht sehr zuversichtlich war, ob meiner letzten Blutwerte. Es schien als würde mein Körper langsam aber sicher wirklich am Ende sein. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätten wir die letzte Chemo auch einfach weglassen können. Schließlich war das Alien nun weg und damit auch der dritte Grund, meinen 33. Geburtstag gebührend nachzufeiern. Doch leider bestanden die Ärzte darauf.