Chemo – die Siebte! – Erkenntnisse

Wir sollten aufhören, uns so zu treffen. Witzelte ich zu mir selbst, als meine Chemoschwester und ihr Mann mich am Morgen für die siebte Chemo abholten. Da wir ohnehin in der Nähe wohnten und das selbe Ziel hatten, bot es sich einfach an, dass wir auch diesen Weg zusammen beschritten. Oder eben fuhren. Zumindest ein letztes Mal, da es ihre neunte und damit letzte Chemo war. Wie schon die letzten Male buchten wir wieder zusammen ein Zimmer. Uns gab es nur noch im Doppelpack. Es tat so unfassbar gut, so eine Frohnatur bei sich zu haben, mit der man reden und auch schweigen konnte.

Natürlich wurde auch dieses Mal ein Ultraschall gemacht. Wenn ich bei der letzten Chemo mit dem allergischen Schock schon so leiden musste, sollte es dieses verdammte Alien erst recht! Und das tat es! Auf 1,8 x 0,9 x 0,8 cm wurde es zusammengestaucht. SPARTAAAA!

Nach dem üblichen Prozedere bekam ich das erste Mal das letzte Mittel. Angst vor einem erneuten Schock hatte ich keine, da es ja eben ein völlig anderer Wirkstoff war. Ich bekam auch keine Arznei mehr, die gegen Allergien war. Dafür gab es einen Blasenschutz, da Cyclophosphamid  dafür bekannt ist voll auf die Blase zu schlagen. Und das auch gleich über 24 Stunden. Juhu.

Der Chemotag blieb weitestgehend mein Fastentag. Da ich wusste, dass das Zeug auch auf den Magen schlagen kann, forderte auch sofort die Ärzte auf mir wieder Emend zu verabreichen. Sicher ist sicher. Und solche Qualen wie am Anfang wollte ich nicht nochmal durchleiden. Es hat die Übelkeit zwar nicht vollständig beseitigt aber es wenigstens auf ein flaues Gefühl im Magen reduziert. Da ich mittlerweile um die 10 kg abgenommen hatte, wollte ich auf keinen Fall dass mein Körper noch mehr als nötig dadurch geschwächt wird, dass ich mich wieder ständig übergeben muss und keinen Bissen herunter bekomme.
Aber ein paar Chips meiner liebsten Bettnachbarin knabberte ich trotzdem mal mit.

Am Abend blödelte ich mit den anderen in der Gruppe herum, machte ein Foto von mir und stelle lachend fest, dass ich mit meiner Glatze mittlerweile aussehe wie einer der Smilies.

Die Nacht war dagegen weniger amüsant. Ich hatte Hitzewallung wie noch nie in meinem Leben. In einem Moment dachte ich ich erfriere und im nächsten wollte ich mir allen Stoff vom Leib reißen. Und dazu dann noch die Infusion. Wenn man weiß dass da noch so eine Nadel in einem steckt, ist der Bewegungsfreiraum doch eher eingeschränkt.

Entsprechend ging es mir am nächsten Tag. Ich war hundemüde, mir war schlecht und es frustrierte mich, dass mein 33. Geburtstag morgen sowas von ins Wasser fällt. Eigentlich machte ich mir die Jahre zuvor nicht so viel aus meinen Geburtstagen. Für mich war es immer nur relevant, dass die mir wichtigsten Personen um mich sind. So richtig gefeiert hatte ich schon lange nicht mehr. Aber ich erinnere mich noch gut daran, als meine Mama 33 wurde. Es waren viele Freunde in unserem Haus – mit Kindern. Wir spielten und die Eltern feierten, tranken und tanzten. Ich erinnere mich an ein eher unbekannteres Lied, bei dem es um „33 Jahre“ ging. Eine wunderschöne Schnapszahl. Und gerade jetzt, wo ich mich mit dem eigenen Lebensende auseinandersetzte, wurde mir der Beginn des Lebens auf einmal wichtiger. Ich wollte so gern mehr Leute um mich haben, die mir gut tun. Einfach eine schöne Zeit haben. Aber nein. Ich musste ja diese blöde Chemo mitmachen, wusste nicht wann und wie das Mittel wirkt. Eine Party zu planen wäre viel zu leichtsinnig gewesen.

Wie alle ätzenden Tage ging aber auch dieser rum. Ich freute mich als die Mesna-Infusion endlich durch war, ich meine Spritze bekam und endlich wieder Heim durfte. Auch wenn es für mich irgendwie schade war, freute ich mich darüber, dass meine Chemoschwester nun endlich diesen bescheidenen Abschnitt hinter sich hatte. Sie hatte es geschafft und durfte nun zur nächsten Etappe übergehen. Der Bestrahlung.

Unerwartet sah ich sie schon am nächsten Tag wieder. Im Krankenhaus hatten wir darüber gesprochen, was ich denn überhaupt noch essen konnte, wenn mir wieder so schlecht war. Ich war schon immer ein Kartoffeljunkie und die aus unserem Ort sind auch noch so verdammt lecker. So stand sie am nächsten Tag vor der Tür, strahlte mich an und schenkte mir lachend eine Schüssel voll mit frisch gekochten Kartoffeln und einer Tube Kräuterbutter. Ich war völlig baff. Sie meinte nur, dass sie so etwas noch nie zum Geburtstag verschenkt hätte, sie es aber unbedingt machen wollte.

Genauso hatte ich nicht damit gerechnet, dass es mir sogar relativ gut ging. Normalerweise war der Donnerstag immer der Tag, an dem es mir total dreckig ging. Doch da meine Zweitmama leider wieder ihre lästige Migräne hatte, konnte ich keinen großartigen Besuch empfangen. Nur meine Mama, die wollte ich unbedingt sehen. Und die kam auch. Sie brachte Kuchen mit und saß eine ganze Weile mit mir, meiner Tochter und meinem Papa zusammen. Das tröstete.

Als meine Schwester mir gratulierte und merkte wie sehr es mich traf, dass ich dieses Jahr nicht feiern konnte, bestärkte sie mich darin es nachzuholen. Sie bot mir sofort ihre Unterstützung bei der Planung und dem Aufbau an, was ich annahm. Noch am gleichen Tag legte ich ein Datum für die Party fest. 3 Tage vor der letzten Chemo sollte sie stattfinden. Das wäre dann wohl doppelter Grund zu feiern!

In den nächsten Tagen ging mein Wohlbefinden dann wieder in Richtung Keller. Mit etwa einem Tag später als unter dem Epirubicin wurde ich total schlapp, kraftlos und ungemein müde. Das Blutbild wenige Tage später bestätigte wie ich mich fühlte. Die Leukozyten lagen bei 0,9 (Normalwert 4-11) und das Hämoglobin bei 9,7 (Normalwert 12-16).

Auf einmal fingen auch so seltsame Druckgefühle an. Die linke Leistengegend fing an zu schmerzen, was ich aber meiner vielen Liegerei auf der linken Seite zuschrieb. Schließlich stand da der Monitor, an den ich meinen Bluray-Player angeschlossen hatte.
Auch knapp unter dem Brustbein spürte ich plötzlich einen Druckschmerz, den ich nicht zu rechtfertigen wusste.

Plötzlich kamen enorme Ängste in mir hoch. Mir wurde bewusst, dass viele Leute nicht an ihren Tumoren sondern an den Nebenwirkungen der Chemo starben oder eben bleibende Leiden hatten. Also tat ich das, was man eigentlich nicht tun sollte. Ich googlete. Und somit erfuhr ich zum Einen, dass Cyclophosphamid zu der Stickstoff-Senfgas-Verbindung gehört, was sich schon mal sehr beängstigend anhört und zudem krebserregend ist. Ich musste mehrfach lesen und war völlig verwirrt. Man bekämpfte also Feuer mit Feuer. Und das in der Gefahr, ein neues zu entfachen. Heilige Scheiße.

Als ich weiter las, war ich dann völlig fertig. „Weiterhin kann es nach Cyclophosphamidgabe bei Frauen und Männern zu Infertilität kommen,…“. Moment mal…

Völlig frustriert, verängstigt und auch sauer rief ich in der Klinik an und verlangte einen der Ärzte. Ich schilderte ihm als erstes das Druckgefühl im Oberbauch und forderte eine Ultraschalluntersuchung, in die er sofort einwilligte. Er wies mich darauf hin, dass der Magen angegriffen sein könnte durch die Zytostatika, wir aber auf Nummer Sicher gehen sollten. Soweit so gut. Ich war vorerst ein wenig besänftigt.
Zum Thema Feuer mit Feuer bekämpfen bestätigte er mir was ich las. Er sagte aber auch, dass die Heilung durch das Mittel wesentlich erfolgreicher ist als die Gefahr der Auslösung einer erneuten Erkrankung. Man könnte es zwar nicht ausschließen aber sowas würde in der Regel nur dann auftreten, wenn es wirklich sehr sehr hoch dosiert werden würde, was bei mir nicht der Fall sei. Trotz dosisdichter Chemo.

Blieb noch das Thema mit der Unfruchtbarkeit. Er war völlig perplex. „Hat man sie darüber nicht aufgeklärt?“. Ich überlegte. Scharf. Es kann sein, dass die Ärztin mir beim Erstgespräch die Frage nach dem Kinderwunsch gestellt hat. Nur da hatte ich ja auch noch den Freund, für den weitere Kinder kein Thema waren. Und nach so einer Diagnose ist wohl ohnehin der letzte Gedanke, dass man jetzt sofort ein Kind in die Welt setzen will. Also nein. Ich hatte wohl zu dem Zeitpunkt keinen Kinderwunsch. Hätte man mir allerdings gesagt, dass es nach einer Chemo nicht mehr oder nur bedingt möglich ist noch welche zu bekommen, hätte ich es wissen wollen! Und zwar bevor man mir dieses Teufelszeug in die Venen tröpfelt!

Der Arzt erzählte mir von einer Frau, die ich wohl auch schon bei meinen ersten Besuchen kennen lernte. Zumindest ähnelte sich die Geschichte. Sie hatte Ende 20 das erste Mal die Diagnose erhalten und war nun zum zweiten Mal in Behandlung. Sie hatte beim ersten Mal ebenfalls die ETC Variante. Und nach nur 2 Jahren wurde sie schwanger und brachte ein gesundes Kind zur Welt. Er sagte ich wäre ja noch jung und es wäre alles offen. Es sei gut möglich, dass mein Körper sich wieder erholen würde und einer weiteren Schwangerschaft dann nichts mehr im Weg stehen würde.
Er erzählte mir auch, was man vorab alles hätte machen können, um die Chancen zu erhöhen, versprach mir auch, dass wir uns das nächste Mal wenn ich in der Klinik bin gern nochmal ausführlich unterhalten würden. Um meine Chancen zu vergünstigen, wäre es aber wohl nun ohnehin schon zu spät.

Ich war fix und alle. Natürlich hatte ich keinen akuten Kinderwunsch. Mit wem auch? Aber ich fand es immer schön, die Möglichkeit zu haben. Und insgeheim habe ich mir oft gewünscht, dass meine Tochter vielleicht irgendwann doch noch ein Geschwisterchen bekommt. Und dass ich das alles nochmal mit einem Mann an meiner Seite erleben dürfte. Die alleinerziehende Version kannte ich ja nur zu gut.

Nicht nur dass dieser Wunsch vor meinen Augen zerplatzte wie eine Seifenblase, zerbrach noch ein weiteres Stück in mir. Das Stück der Weiblichkeit. Eine Brust in der ein Alien wohnte und es immer noch unklar war, ob ich sie behalten konnte, die fehlenden Haare und dann auch noch das. Es mag altmodisch klingen aber ich hatte das Gefühl dass mir damit alles an Weiblichkeit genommen wurde, fühlte mich unvollständig und unnütz.

Die nächsten Tage zog ich mich zurück, weinte viel und versuchte irgendeinen Weg für mich zu finden damit klar zu kommen. Diese scheiß Krankheit kostete mich mehr als ich anfangs dachte und mir wurde klar, dass es nie wieder so werden würde wie vor der Diagnose.

Nie mehr.

2 Gedanken zu „Chemo – die Siebte! – Erkenntnisse

    • Julia sagt:

      Ich habe nicht nur für die Chemo den Weg der Offenheit gewählt 🙂 Es freut mich wenn ich anderen Kraft geben oder Mut machen kann. Dann mache ich ja alles richtig. Danke für das Feedback!

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