„Wir nehmen dann ein Doppelzimmer.“ erklärte ich fröhlich der Schwester, die die Zimmer einteilte. Ich fand es irgendwie tröstlich, meinen Krankenhausaufenthalt ein wenig wie einen Hotelurlaub zu händeln. Unten an der Annahme checkte ich ein, oben bestellte ich mir ein Zimmer und freute mich, wenn ich eins mit einer Toilette direkt im Zimmer bekam und nicht eines, bei dem ich immer erst auf den Flur musste. Der Service war auch nicht übel.
Meine Chemoschwester und ich freuten uns, dass wir wieder zusammen liegen durften und bezogen unsere Zimmer, brachten das übliche Blutabnehmen hinter uns und schwätzten uns ein. Es tat so gut, jemanden wie sie in dieser Zeit bei mir zu haben. Man hatte das Gefühl, sie verbreitete überall gute Laune. Sie konnte sich die kleinsten Details merken, die die Schwestern über ihr Privatleben erzählten und fragte jedes Mal, wie es bei der Tochter im Studium läuft oder ob der Sohn denn nun eine Ausbildungsstelle gefunden hatte und so weiter. Und das auf eine total liebe Art, dass man sie einfach nur knuddeln möchte.
Kurz vor 12 ging es dann wieder mit dem Paclitaxel los. Wie immer fielen mir pünktlich zum Zytostatika die Augen zu. Doch irgendwas war anders. Ich wachte mittendrin auf, hustete und merkte dass mein Asthma einsetzte. Als nächstes breitete sich ein heftiger, stechender Schmerz in meinem unteren Rücken aus. Was zur Hölle ist das?! Ich versuchte irgendwie an den Klingelknopf zu kommen, denn ich merkte genau, dass hier irgendetwas mal so gar nicht stimmt. Doch die Schmerzen erlaubten nicht die kleinste Bewegung. Ich schielte nach rechts, zu meiner Chemoschwester, die seelenruhig schlief. Kein Wort bekam ich raus. Wenige Minuten später, als ich schon richtig Mühe hatte zu atmen, ging die Tür auf und die Musiktherapeutin kam rein, sah mich an und fragte mich ob alles in Ordnung sei. Ich schüttelte den mittlerweile hochroten Kopf. Himmel! Wenigstens das funktionierte noch. Alarmiert hakte sie nach, ob sie jemanden holen solle. Ich nickte mit Tränen in den Augen. Ich hatte eine scheiß Angst!
Plötzlich hörte man Trubel im Flur und eine Horde von Ärzten und Schwestern stürmten unser Zimmer. Der erste Griff ging an die Infusionsklemme, die das Chemomittel daran hinderte, weiter in meinen Körper zu dringen und diese verdammt unlustigen Sachen mit ihm anzustellen. Kurz darauf konnte ich wieder atmen und auch die Schmerzen verflüchtigten sich dorthin, wo sie hergekommen sind. Als ich endlich wieder sprechen konnte, kullerten mir auch schon die Tränen die Wangen hinab. Das war ein Schock. Im wahrsten Sinne des Wortes. Die Ärzte stellten fest, dass ich einen allergischen Schock hatte. Scheinbar hat das Zeug, das sie mir vorher immer verabreichten und mich immer so müde machte, nicht mehr richtig gewirkt.
Nachdem ich mehreren Ärzten nochmal ausführlich schilderte was genau passiert ist, verpasste man mir nochmal eine ordentliche Packung Kochsalzlösung und mehr von dem Mittel gegen Allergien. Ein Beruhigungsmittel lehnte ich ab, dafür begrüßte ich die Idee, den Rest des Paclitaxel nun langsamer, über einen längeren Zeitraum in mich tröpfeln zu lassen.
Die Ärzte erkundigten sich sogar in der hauseigenen Apotheke, ob die Giftmischer diesmal etwas anders gemacht hätten, einen neuen Lieferanten hatten oder ähnliches, da ich an dem Tag schon der zweite Fall mit so einem Anfall war. Aber das sollte nicht der Grund sein.
„Tja, das ist Chemo!“ war wohl der blödeste Kommentar, den mir eine der Ärztinnen an den Kopf geknallt hat, auf meine Nachfrage hin, wo das denn so plötzlich herkam. Wär mir fast nicht aufgefallen, liebe Frau Doktor… danke, dass sie es nochmal gesagt haben!
Meine Bettnachbarin war total perplex. Sie hatte ebenfalls geschlafen und ist durch den Trubel im Zimmer aufgewacht. Man merkte, dass sie sich selbst Vorwürfe machte, weil sie nichts mitbekommen hat. Die gute Seele.
Um 20 Uhr war dann auch endlich die sechste Chemo verabreicht und gute 2 1/2 Stunden später war dann auch der Nachlauf endlich drin. Wie immer war ich danach putzmunter und fühlte mich rein körperlich als wäre das eine ganz normale Chemo gewesen.
Normal. Ja, mittlerweile gewöhnte ich mich irgendwie daran. Am Anfang machte mir das alles noch so viel Angst. Das beste was ich machen konnte, war der Frisörtermin. Ich wollte ja eigentlich keine kurzen Haare mehr. Sie mir abzuschneiden war ein Eingestehen meiner Situation, dass es unabwendbar ist und ich da irgendwie durch muss. Es wappnete mich, wie wenn ein Kämpfer kurz vor der Schlacht nach seinem Schild greift. Man weiß „Jetzt geht es los!“ und man hat sich vorbereitet. Was auch immer da kommen mag. Nun steckte ich mittendrin in der Schlacht, war es gewohnt alle zwei Wochen erneut aufs Feld zu gehen und mein Schwert zu zücken. Und jetzt sogar mit Schildschwester.
Am nächsten Tag holten mich Freunde meines Vaters und seiner Frau ab. Ich wollte auf keinen Fall bis 20 Uhr in der Klinik bleiben. Eigentlich war das so geplant, da meine Chemoschwester eine 24-Stunden-Infusion bekam und ich sie nicht alleine lassen wollte. Aber bis 20 Uhr? Freiwillig? Niemals! Ich wollte wie so oft einfach nur noch weg, auschecken. Also ließ ich mich von zwei lieben Menschen abholen.
Am Abend spielte ein guter Freund und mit größter Spaßvogel meiner WhatsApp-Gruppe Chauffeur, damit ich mir meine Spritze abholen konnte. Mit ihm ist es einfach immer lustig. Eine überaus willkommene Abwechslung. Das war auch das Essen gehen, das wir anschließend beim Griechen umsetzten. Wir saßen noch zusammen mit einem Freund von ihm auf der Terrasse, bis sich an diesem warmen Sommertag die Sonne verabschiedete und ich mein riesengroßes Eis verputzt hatte.
Der Tag danach war mal wieder besonders schmerzhaft. Von Mal zu Mal taten mir die Knochen immer mehr weh, unklar ob von der Spritze oder dem Taxol. Glücklicherweise konnte ich viel schlafen, wobei jede kleinste Bewegung auch im Schlaf weh tat. Und das im ganzen Körper.
Wieder einmal versuchte ich Treppen zu meiden, hielt mich vorsichtshalber wie eine alte Frau auf wackeligen Beinen an dem Geländer fest, da mir immer mal wieder die Beine einfach einknickten. Vor allem die Knie schmerzten ständig. Der Schlaf kam viel zu kurz, so dass ich mir dann doch nachts Schmerzmittel verabreichte. Wenigstens ein wenig eindämmen um immerhin ansatzweise durchschlafen zu können.
Etwa eine Woche später ging es mir wieder relativ gut. Ich traute mich Auto zu fahren und mit meiner Tochter eine kleine Shoppingtour mit anschließendem Fast Food Stop zu machen. Abgesehen von den fehlenden Haaren und den neugierigen Blicken war es fast wie früher.
Mich störte es nicht, dass die Leute schauten. Am Anfang war es bisschen seltsam. Man steht da beim Bäcker und fragt sich, warum der Kerl da drüben einen so angafft. Bis einem einfällt, dass man ja so eine typische Chemomütze oder -tuch trägt, die Augenbrauen immer dünner werden und die Wimpern quasi nicht mehr existent sind. Dazu die immer ausgeprägteren Augenringe. Natürlich sah man mir an, dass ich Krebs habe. Dann aber straffte ich die Schultern, schenkte ihm ein Lächeln und dachte mir „Ja, ich habe Krebs. Ja, in meinem jungen Alter. Und ja, ich werde ihm in den Arsch treten!“.
Fühl Dich gedrückt! Du bist so tapfer! Freu mich auf unser nächstes Treffen im Sommer – egal ob mit oder ohne Haare…