Chemo – die Neunte! – Gut Ding will Weile haben

Es war ein seltsames Gefühl, der Gedanke ein letztes Mal in dem Wartezimmer zu sitzen. Neben den normalen Stühlen hatten sie richtig schöne Drehsessel hinzugefügt. Dort saß ich immer am liebsten. Sie haben etwas schützendes, einkuschelndes. Gerade an einem sonst so kalt wirkenden Ort wie einem Krankenhaus. Sollte das wirklich das letzte Mal hier sein? Jeden Moment würde ich es herausfinden. 

Ich ließ nochmal den gestrigen Tag Revue passieren. Ich hatte das Angebot der DKMS angenommen, einen Schminkkurs mitzumachen. Da die Augenbrauen immer dünner, die Ränder unter den Augen dagegen immer dicker wurden, nahm ich kurzerhand teil. So schlecht wie es mir laut meinen Blutwerten gehen sollte, ging es mir gar nicht. Ich fuhr zusammen mit meiner Chemoschwester in die Klinik. Schon alleine die Hinfahrt war irre lustig. Wir hatten wie immer viel Spaß zusammen.

Wir saßen dann also in U-Form, wie in der Schule an unseren Tischen, als meine Chemosschwester demonstrierte, wie sie sich ein Tuch auf den Kopf legt wenn sie vor einem Spiegel ist, da sie sich selbst gar nicht mit Glatze ertragen kann.
Neben mir saß eine Frau in meinem Alter. Das war wirklich selten, wie ich in den letzten Wochen erfahren durfte. Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden, tauschten kurz die üblichen Infos aus von wegen „Welche Chemo bekommst du?“ oder „Was hattest du für eine OP?“ nur dass dieses Mal auch die Frage dazu kam „Und wie alt sind deine Kinder?“.

Nach dem Schminkkurs der DKMS.

Leute die mich kennen, wissen dass ich dazu neige, ernste Dinge ins Lächerliche zu ziehen. Warum also sollte ich hier eine Ausnahme machen? Als wir die Taschen der DKMS bekamen, in denen sich die ganzen Artikel befanden die wir behalten durften, musste ich lauthals lachen als ich tatsächlich Shampoo auspackte. Meinte auch direkt „Das ist ein Scherz von euch, oder?“ Zack! Überrollt! Die Kosmetikerin rettete sich indem sie sagte dass wir ja irgendwann später wieder Haare haben würden. Als sie nach einigen wirklich tollen Tipps dann aber sagte „Wer möchte kann sich auch noch die Wimpern tuschen.“ lag ich vor lachen am Boden. „Welche denn?!“ gröhlte ich in den Raum und hatte damit die Lacher auf meiner Seite. „Die letzten drei überlebenden?“ Ich hatte Angst dass die jämmerlichen Überreste meiner Wimpern es als Angriff sehen könnten, sich ergeben würden indem sie auch noch ausfallen. Ich verzichtete auf das Tuschen. Die anderen auch. War das ein Spaß!

Während ich so vor mich hin schmunzelte, kam die Ärztin mit ernster Miene ins Wartezimmer. Sie teilte mir mit, dass meine Werte so schlecht seien, dass ich eine Bluttransfusion bekommen müsste. Mir ging es durch die gefühlte zehnte Erkältung die sich ankündigte nicht wirklich so gut aber ich konnte mich doch einigermaßen auf den Beinen halten. Ein Tag zuvor war ich auch wieder bei der Heilpraktikerin. Diese meinte ich hätte einen niedrigen Zuckerwert und sollte mal Schokolade essen. Da dachte ich schon ich wäre im Himmel! Aber nicht dass es so schlecht um mein Blut steht.

Ich lehnt die Transfusion ab und wurde dafür angeguckt wie ein Auto. Ich entschied einfach aus dem Bauch heraus. Das Alien war weg und ich hätte am liebsten ganz auf den letzten Chemiecocktail verzichtet. Ich sprach die Ärztin auf die Risiken einer Transfusion an. Sie gab zu dass es passieren kann, dass damit Krankheiten übertragen werden können, die erst in 20 Jahren auftreten. Ich bin aber keine 80, so dass mir das egal sein könnte. Ich wurde gerade erst 33 und wollte verdammt nochmal älter als 50 werden! Die Ärztin meinte wir könnten heute die Transfusion machen, so könnte ich direkt morgen die Chemo bekommen. Doch ich blieb mit meinem Dickschädel bei meiner Meinung und fragte nach Alternativen. Sie erklärte dass es eine Spritze geben würde, die die roten Blutkörperchen pushen kann. Sie dürfen sie allerdings nicht verabreichen. Ich könnte es über meinen Frauen- oder Hausarzt versuchen. Da ich ja bereits wusste, wie ablehnend sich mein Frauenarzt verhält wenn ich Medikamente brauchte, gab ich ihr die Telefonnummer meiner Hausärztin. Als sie von dem Telefonat zurück kam, lächelte sie. „Sie übernimmt die Spritze. Sie hat ohne zu zögern eingewilligt.“ Wow. Ich hatte wirklich eine tolle Ärztin. Da ich ja auch die Blutabnahmen immer über den Frauenarzt machte, aus Angst ich könnte mich bei meiner Hausärztin im Wartezimmer schneller anstecken, hatte ich sie bisher nie wirklich involviert.

Es erfolgte noch eine Untersuchung, da ich auf dem Klo öfter mal Blut entdeckte. Ich merkte wirklich mehr und mehr, wie mein ganzer Körper unter der Chemie litt. Zum Glück stellten sie nur Fissuren (Einrisse der Schleimhaut) fest, was für mich eine große Erleichterung war.

Mit einem Rezept für Eisentabletten bewaffnet ging es dann vom Krankenhaus direkt weiter zur Hausärztin, von der Hausärztin zur Apotheke und wieder zurück. Als die von mir deklarierte weltbeste Ärztin die 1500€-Spritze an meinem Bauch ansetzte, erklärte sie mir, dass Radsportler sich das Zeug (Aranesp) oftmals spritzen, um mehr Power zu haben. So wurde ich ganz offiziell gedopt! Am nächsten Tag merkte ich schon, dass ich viel fitter war. Mir wurde nicht mehr so schnell schummerig und ich konnte mich länger auf den Beinen halten. Lebensqualität!

Den Montag darauf durfte ich dann wieder in der Klinik antanzen. Im Gegensatz zu den vorherigen Wochen fühlte ich mich als könnte ich Bäume ausreißen. Scheinbar hatte jedoch in der Klinik irgendjemand Kabel ausgerissen. Die Computer streikten. Also dümpelte ich mal wieder im Wartezimmer herum und wartete dass ich mich überhaupt anmelden konnte.

Als ich mir Wasser auf dem Flur holen wollte, fiel mir dann eine junge, hübsche Frau, etwa in meinem Alter auf. Sie hatte einen Mann – ihren Freund dabei. Plötzlich schieß es mir durch den Kopf, dass es doch schön wäre, wenn wir gemeinsam auf einem Zimmer landeten. Ich war zwar eigentlich Dienstagspatientin, bekam die von Montag aber oft noch mit, weil ja alle hier über Nacht blieben. Diese Frau hatte ich aber zuvor nie gesehen. Sie sah unsicher aus. Als hätte sie Angst.

Nach stundenlanger Warterei wurde ich dann auf mein Zimmer gebracht. Ich hatte mich gerade soweit eingerichtet als die Tür aufging und die besagte Frau rein kam. Yes! Es stellte sich dann heraus, dass sie tatsächlich die erste Chemo bekam. Ich mischte mich einfach dreist in das Gespräch mit ihrer Mutter ein, die sie ebenfalls begleitete. Und es gelang mir tatsächlich ihr ein wenig die Angst zu nehmen. Ich antwortete auf alle Fragen die sie hatte ganz ehrlich. Was würde es auch bringen alles zu verschönern? Sie würde so oder so merken wie es ist eine Chemo zu bekommen. Natürlich stellt man schon den Ärzten viele Fragen aber es ist trotzdem etwas anderes es von jemandem zu hören, der das alles schon erlebt hat. Und das am eigenen Körper.

Wir waren sofort auf einer Wellenlänge und ich empfand es irgendwie als einen gelungenen Abschluss. Die junge Frau freute sich zu sehen, dass man auch bei der letzten Chemo noch ein paar, wenn auch dünne Augenbrauen haben kann und konnte durch meine Schilderungen ein wenig Mut schöpfen. Für mich war es genauso toll ihr das geben zu können wie für sie es zu bekommen. Zudem tat sie etwas, was mir irgendwie nie eingefallen war. Sie verschönerte unser Zimmer. Eine Freundin von ihr hat eine rosane Wimpelkette mit Mut machenden Sprüchen beschriftet. Diese hing dann quer über der Wand, an die wir beide schauen konnten. An dem Griff am Bett zum Hochziehen hängte sie ein kleines Herz und auch in ihrem Bett landeten farbenfrohe Kissen. Es war gleich viel gemütlicher, wärmer. Als ihre Tante zu Besuch kam, hat sie sogar mir ein paar Blümchen mitgebracht. Eine wirklich angenehme, liebe Familie.

Meine Gedanken fingen nun an, sich um die anstehende OP zu kreisen. Schließlich war das nun der nächste Schritt. Ich erfuhr dass erst nochmal in etwa 4 Wochen ein Nach-Staging stattfinden würde und dass ich mit circa einer Woche Klinikaufenthalt rechnen musste. Das schlimmste von allem war der Gedanken daran, dass ich wohl eine Woche lang hungern müsste, da das Essen wirklich grausig war. Also wirklich wirklich grausig.

Die Nacht war mal wieder der Horror. Gegen 4 Uhr nachts ertönte plötzlich ein verdammt lautes Brummen, das wohl die komplette Station weckte. Die Schwester ging von Tür zu Tür doch bevor sie komplett durch war, war es auch schon wieder vorbei. Was es genau war, durften wir nicht mehr herausfinden. Zu grübeln hatte ich aber genug Zeit. Schlafen konnte ich nach dem Schreck nämlich nicht mehr.

Am nächsten Morgen tauschte ich noch mit der Frau die Telefonnummern aus. Mir kam dann auch die Idee, einfach noch eine Whatsapp-Gruppe zu machen. Die Frau die ich bei dem Schminkkurs kennenlernte war so froh endlich mal jemanden in ihrem Alter zu finden. Wir ticken halt schon ein wenig anders als die älteren und haben zum Teil ganz andere Dinge die uns beschäftigen. Also gründeten wir kurzerhand unsere „Chemo Mädels“-Gruppe.

Nachdem die 24-Stunden Blasenschutz Infusion durch war, durfte ich nach Hause. Dort ist dann auch recht schnell mein Kreislauf mit meinen letzten Wimpern durchgebrannt. Der olle Schweinehund!

Es hieß ein letztes Mal die Nachwehen der Chemo zu bewältigen. Das sollte ja wohl noch drin sein! Ich hatte es tatsächlich geschafft und es kam mir vor als wäre mein Wunsch in Erfüllung gegangen. Der, dass diese ätzende Zeit möglichst schnell rumgeht.

 

 

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