Chemo – die Erste!

Nach dem Einchecken und anschließenden Anmelden auf der Station bezog ich mit meiner Mama und Zweitmama im Schlepptau mein Zimmer für die Nacht. Das 2-Bett-Zimmer selbst war ein typisches, wie man sie eben im Krankenhaus vorfindet. Alles ein wenig altbacken aber das nötigste war definitiv vorhanden. Betten, rollbare Beistelltische, ein Tisch mit zwei Stühlen, Waschnische, alter Röhrenfernseher an der Wand und natürlich das Kruzifix.

An dem kleinen Tisch mit den beiden Stühlen saß eine Frau, die gerade frühstückte. Nachdem ich erstmal meine Tasche im Schrank verstaut hatte, kamen wir mit ihr auch gleich mal ins Gespräch. Sie hatte die Chemo schon hinter sich und wartete nur noch auf die Visite, um danach abzudüsen. Sie meinte das wäre alles gar nicht so schlimm. Ich gebe zu, ein wenig Mut machte es mir schon. 

Nach der Blutabnahme und Urinübergabe kam es mir vor, als würde wirklich alle paar Minuten wieder das Zimmer gestürmt werden. Die Onkoschwester schloss ich genauso schnell ins Herz, wie die liebe Ärztin, die mich von Anfang an betreute. Sie war wirklich sehr einfühlsam, hörte genau zu und nahm sich viel Zeit, mir alles zu erklären. Sie erwähnte auch nochmal, dass diese rot eingefärbte Flüssigkeit, die das Wundermittel Epirubicin enthält auf keinen Fall auf die Haut gelangen darf. Die Vorstellung, dass das Zeug was man da eingeflößt bekommt Verätzungen auf der Haut verursachen kann, ist schon wirklich gruselig. Auch dass sich der Urin anschließend verfärbt, war eine wirklich hilfreiche Information. Man gerät ja doch schnell in Panik, wenn das Wasser im Klo nach dem Geschäft plötzlich neonrot ist.

Die Frau für das Soziale überreichte mir noch einiges an Lesematerial, was ich aber vorerst zur Seite legte. Mein Kopf war schon nicht mehr wirklich Aufnahmebereit. Das erste Gespräch mit der Onkopsychologin hingegen fand ich sehr interessant. Obwohl mir auch diesmal bei der Frage nach einem Partner wieder die Tränen die Wangen hinab kullerten,  beschrieb sie mich abschließend als abgeklärt. Das Wort traf wohl wirklich gut auf mich zu. Ich habe mich schon immer selbst analysiert, reflektiert und in Frage gestellt. Und so habe ich mich natürlich auch auf die Chemo entsprechend vorbereitet. „Die Chemo ist mein neuer Freund.“ habe ich mir immer wieder eingeredet. Eine positive Einstellung zu dem was nun kommt.

Als die liebe Ärztin einen Blick ins Zimmer geworfen hat, hatte sie sofort ein breites Lächeln im Gesicht, als sie uns drei Weiber erzählen und lachen sah. Sie meinte sofort, wie toll sie das gerade findet. So entspannt. Und da hatte sie Recht. Es war eine riesige Hilfe, dass meine Mama und Zweitmama bei mir waren. Wir lachten viel, erzählten Dinge von früher. Ich vor allem Dinge, die ich nie erzählt hatte. Zum Teil die ganz schlimmen, aus der Sturm- und Drangzeit. Zum Glück war das alles mittlerweile verjährt.

Kurz nachdem das Mittagessen gebracht wurde, kam die Ärztin auch schon mit den Nadeln wieder. Jetzt ging’s los! Ich kleiner Schisser habe mir vorher noch ein Emla-Pflaster geben lassen, was die bepflasterte Haut betäubt. Gerade weil der Port noch so frisch und quasi unbenutzt war, war mir so ein Pflaster lieber. Außerdem wurde ich ja schon genug gepiekst. Der Appetit war mir trotzdem vergangen. Über die Nadel wurde noch ein großflächiges Pflaster geklebt und mein sauberer Schnitt für den Port gelobt. Ich habe mit Absicht nicht hingesehen. Vor allem so lange die Fäden noch nicht gezogen sind, wollte ich es mir einfach nicht ansehen. Wenn ich den Pieks der Biopsie und meinen anschließenden Kreislaufzusammenbruch nach der Abnahme des Verbands bedenke, war das wohl auch wirklich besser so.

Stockesteif blieb ich nun im Bett liegen und ließ den sogenannten Vorlauf in mich hineintröpfeln. Ein Vorlauf ist nichts anderes als Natriumchlorid, oder auch Kochsalzlösung. Ein ganzer Liter sollte meinen Körper auf die folgenden Mittelchen vorbereiten. Kurz bevor es durchgelaufen war, gesellte sich noch ein kleineres Fläschchen dazu, das Cortison und ein Mittel gegen Übelkeit (Zofran) beinhaltete. Kurz nachdem es durchgelaufen war, kam die Ärztin mit dem Beutel, der die knallrote Flüssigkeit enthielt. Ich musste zwar schon aufs Klo, traute mich aber nicht, mich auch nur einen Millimeter zu bewegen. Für mich war es schon gruselig genug, dass da überhaupt ein Schlauch an meinem Körper hängt. Mich dann mit dem ganzen Kram auch noch zu bewegen, ging mal so gar nicht.

Blöd war nur, dass das erste Zusammentreffen mit der Onkopsychologin, das ich eben schon erwähnt habe, zu genau diesem Zeitpunkt war. Man könnte sagen ich war ziemlich angespannt. Es wurde so oft gesagt, dass ja nichts daneben gehen darf und dass ich mich umgehend melden soll, wenn ich irgendwo um den Port herum dicke Stellen habe – also etwas daneben läuft – dass ich am liebsten jemanden abgestellt hätte, der die ganze Zeit meinen Port anstarrt und sofort lautstark Alarm schlägt, wenn irgendetwas ist.

Kurz nachdem die Psychologin wieder weg war, war auch die Chemo durchgelaufen und es ging nur noch mit NaCi (die Kochsalzlösung) weiter. Während die Zytostatika durchgelaufen ist, lief es auch immer mit. Zu dem, was genau passiert wenn gar nichts mehr läuft, werde ich bald noch kommen. Nachdem der erste Liter in meinen Venen war, wurde der nächste angeschlossen. Der Nachlauf. Mit dem traute ich mich dann auch mal auf die Toilette. Die Onkoschwester hatte nicht gelogen, was die Farbe anging.

Mein anhänglicher Freund

Mein anhänglicher Freund

Bis dahin fühlte ich mich noch ganz normal. Alle paar Stunden kam eine Schwester rein um meinen Blutdruck und Puls zu messen. Alles im normalen Bereich. Meine Zweitmama verabschiedete sich allmählich, während meine Mama und ich beschlossen, meinen tollen Infusionsständer Gassi zu führen. Endlich vernünftiger Kaffee! Für einen Kaffeejunkie wie mich war es reinste Folter, nur die Plörre oben auf der Station trinken zu können. Also ging es runter in die Cafeteria. Ich ignorierte die ganzen Blicke der Leute unten, die sich wohl fragten was ich denn haben könnte. Der Ständer war wirklich nicht zu übersehen. Und sicher fanden es auch noch andere Menschen gruselig, dass da ein zugehöriger Schlauch oben in meinem Shirt verschwand. Nichtsdestotrotz ließen wir uns mal schön den Kaffee und auch den Marmorkuchen schmecken.

Zurück auf dem Zimmer unterhielten wir uns noch eine Weile. Ich fragte vor dem Schlafengehen noch eine Schwester, ob ich denn bitte so ein Kotzschälchen haben könnte – nur für den Notfall. Die gute Frau fand das gar keine gute Idee. Sie meinte, ich würde mich darauf versteifen dass mir schlecht wird. Nachdem ich ihr versicherte, dass ich nur ein Sicherheitsfanatiker bin und mich gern auf alles vorbereite, ich bei der letzten Magen-Darm-Grippe meiner Tochter auch eine Schüssel neben dem Bett hatte als ich die ersten Erkältungserscheinungen hatte und die Schüssel nicht brauchte, willigte sie endlich ein.

Kurz danach wurde mir schlecht. Das ging urplötzlich, von einem Moment auf den anderen. Ich ignorierte ihren Gesichtsausdruck, der mich anbrüllte „Siehst du! Ich habs dir ja gesagt!“ und freute mich über die rasche Infusion, die mir die Übelkeit weitestgehend nahm.

Als ich dann langsam müde wurde und meine Mama sich weigerte zu gehen, bevor ich eingeschlafen war (Danke, Mama!), ließ ich mir von ihr wie früher eine Gutenachtgeschichte vorlesen. Nur dass dieses Buch eben als eBook auf meinem Handy und auch nicht unbedingt jugendfrei war.  Ich musste jedes Mal grinsen, wenn ein wenig brisantere Stellen kamen, die aber gerade am Anfang recht selten waren. Jedes Mal stoppte sie und fragte „Soll ich das wirklich weiterlesen?“. Was hab ich gefeiert!

Mit einem halben Ohr habe ich noch mitbekommen, als sie irgendwann gegangen ist. Die Nacht war seltsam. Irgendwann haben mir mal beide Arme weh getan. Vielleicht weil ich nur auf dem Rücken geschlafen habe. Es lief zwar keine Infusion mehr, die Nadel steckte aber noch. Für den Notfall, falls ich nochmal etwas gegen Übelkeit bräuchte.

Und das brauchte ich am nächsten Morgen auch. Ich kam mir vor, wie damals in der Schwangerschaft. Wenn ich an gewisse Lebensmittel dachte, wurde mir sofort schlecht. An diesem Morgen war mir nach einem Apfel, den meine Mama dann auch gleich mitbrachte, als sie wieder in der Klinik aufschlug. Sonst war ich einfach müde, was aber auch an der unruhigen Nacht gelegen haben kann. Mir war ein bisschen, als würde ich eine Erkältung kriegen.

Irgendwann gesellte sich dann auch eine ältere Frau zu mir ins Zimmer. Heute war ihr Chemotag. Wir tauschten uns gleich mal darüber aus, was wir haben und welche Chemo angewendet wird und so weiter. Irgendwann fragte ich sie, ob sie denn eine Perücke trug, weil es so echt aussah. Zack! Griff sie sich in die Haare und hob den Fiffi nach oben. Als sie mir von der Brust OP erzählte, bei der ihr die Brust komplett und ohne Aufbau abgenommen wurde, konnte ich gar nicht so schnell „Nicht nötig!“ rufen, wie sie sich das Hemd über den Kopf gezerrt hat. Da saß ich Weichei also und starrte eine halbnackte Frau mit nur noch einer Brust an. Ich war sicher kreidebleich. Ich konnte sowas noch nie wirklich gut sehen. Selbst bei dieser Werbung die es mal für schärferes Sehen gab, bei der diese Frau statt Wimpern Klingen hat, habe ich jedes Mal die Augen zusammengekniffen.

Später, als alle wieder angezogen waren, bekam ich dann noch die Neulasta Spritze. Die sollte sich darum kümmern, dass meine Leukozyten sich schnell wieder aufbauen, damit mein Körper für die nächste Chemo in 2 Wochen wieder fit genug ist. Leider kann man die Spritze erst 24 Stunden nach der Chemo geben und hat auch nur ein Zeitfenster von einer Stunde, da das Chemomittel sonst auch dieses teure Wundermittel angreift. Anschließend durfte ich endlich Nachhause.

Der zweite Tag nach der Chemo war der schlimmste. Ich schwankte zwischen Kotzeimer anstarren und permanentem Wegdämmern. Und mir war ständig kalt. Gebrochen habe ich nur einmal. Aber das war nicht so wie bei einer Magenverstimmung, wo man sich danach erleichtert fühlt und man merkt wie es einem besser geht. Denn leider ist der Grund für die Übelkeit nicht im Magen, sondern im Blut und dadurch im ganzen Körper und da kann man ihn leider nicht einfach so rauswürgen. Also habe ich versucht es mir zu verkneifen. Jedes Einschlafen war eine Wohltat, wenn auch immer nur für wenige Minuten.

Meine weltbeste Schwester kam an diesem Tag vorbei um nach mir zu sehen und schnappte sich nach der Sichtung direkt wieder ihre Tasche um nochmal zur Notdienstapotheke zu fahren. Die  von ihr mitgebrachten Mittel vollbrachten wenigstens eine mäßige Besserung.

Ein anderes Highlight war ein Freund aus meiner Alien Gruppe bei Whatsapp. Er hat sich total solidarisch die Haare abgeschnitten. Und zwar von schulterlang auf fast Glatze. Gerade an diesen Tagen war mir diese kleine Gruppe von Leuten so eine große Hilfe! Sie brachten mich immer wieder zum Lachen, obwohl mir danach so gar nicht war. Es ist sehr faszinierend, was einem aufeinmal alles Halt geben kann.

Am nächsten Tag war mir zwar noch mulmig und ich hatte ein leichtes Ziehen in den Knochen durch die Spritze, alles in allem war es aber schon viel erträglicher. An diesem Tag kam auch die erste Mütze meiner Facebook-Mützenaktion an. Ein Krümelmonster. Leider erst für die kälteren Tage gedacht, aber die würden ja sicher noch kommen.

Die Tage darauf nahm nicht nur die Übelkeit ab, sondern auch mein Kreislauf. Ich war bemüht, nicht so viel zu liegen aber das gelang nur mittelfristig. Mein Körper war so am Arbeiten, dass es einem vorkam, als würde er alles andere einfach abstellen. Wenn ich am Essen war, schaltete er auf Verdauen um und damit sowas wie aufrechtes Sitzen ab. Ich habe teilweise im Liegen auf der Couch gegessen, weil ich die Befürchtung hatte, sonst einfach zur Seite wegzukippen. Alleine dass ich überhaupt mal wieder etwas essen konnte, war schon eine Krönung. Aber es war immernoch so, dass mir bei einigen Dingen schlecht wurde. Wenn man dann etwas findet, bei dem einem nicht schlecht wird, will man es unbedingt sofort haben. Wobei auch da immer die Gefahr besteht dass es umschlägt, sowie man es in den Händen hält. Ich habe auch festgestellt, dass mir gerade beim Gedanken an Kaffee und Marmorkuchen besonders schlecht wird. Das erste, was ich nach der Chemo zu mir genommen habe.

Am siebten Tag nach der Chemo war ich bei meinem Frauenarzt zur Blutabnahme. Bei der Gelegenheit hat er auch gleich mal die Fäden von der Portsetzung gezogen. Bis dahin habe ich mich immer noch dagegen gewehrt, mir die Wunde anzusehen. Nachdem die Nadel in der Klinik gezogen und das Pflaster aufgeklebt wurde, meinte die Ärztin dass ich es am nächsten Tag wieder abmachen könnte. Ich fragte, ob ich es nicht einfach dran lassen könnte. Und vor allem ob ich damit denn duschen darf. Ich hatte zum Teil immer noch die Jodflecken auf der Haut, da ich mich nur vorsichtig um den Port herum waschen durfte. Lustig war, als meine Tochter ganz entsetzt festgestellt hatte, dass jemand die Mama angemalt hat.

Die Tage danach ging es mir von Tag zu Tag besser. Einen Tag vor der nächsten Chemo war ich allerdings ein wenig perplex, als ich auf der Toilette war. Ich dachte ja immer dass der Ausfall mit den Haaren auf dem Kopf anfängt. Ich wurde eines besseren belehrt. Und das sollte mir Recht sein.

2 Gedanken zu „Chemo – die Erste!

  1. Vivi sagt:

    Hi 🙂

    Super gut geschrieben. Ich habe angefangen und vom ersten Eintrag bis zum Ende in einem durchgelesen.
    Mach weiter so! Und zeig dem Alien, wo der Hammer hängt! 😉

    Liebe Grüße und weiterhin viel Kraft,
    Vivi

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