Auch diesen Dienstag trudelte ich gegen 7:45 Uhr für die nächste Chemo in der Klinik ein und steuerte zielstrebig die Anmeldung an. „Wie war der Name? … Sie stehen gar nicht auf meiner Liste!“. Einerseits keimte die Hoffnung, ich könnte wieder gehen, andererseits wollte ich diesen Mist einfach nur so schnell es geht hinter mich bringen und da werden Verzögerungen auf keinen Fall geduldet! Nach einem kurzen Anruf auf der Station, der den Sachverhalt aufklärte, durfte ich dann auch einchecken.
Oben auf dem Zimmer habe ich erstmal meine Klinikutensilien ausgepackt, wozu diesmal auch mein Laptop gehörte. Er passte wunderbar in das abschließbare Fach, als wäre es nur für ihn gemacht worden.
Den Vormittag verbrachte ich ähnlich wie bei der ersten Chemo. Nur dass ein bisschen weniger Ansturm auf mich war. Dieses Mal teilte ich mir für etwa 2 Stunden das Zimmer mit einer Frau, die trotz Chemo arbeiten ging. Die Frau, die nur 4 Jahre älter ist als ich, strahlte so eine Power aus, dass ich direkt neidisch wurde. Schnell stellte sich heraus, dass sie eine ganz andere Chemo bekam als ich. Wir rätselten und verglichen ein wenig, bis wir festestellten dass sie gerade das Mittel bekommt, was bei mir als zweites dran ist. Paclitaxel. Und am Schluss war bei ihr das Epirubicin dran, was in Fachkreisen nur das Rote genannt wird und bei mir an erster Stelle stand. Natürlich quetschte sie mich gleich mal aus, was ich alles für Nebenwirkungen hatte. Und ich wurde immer neugieriger auf das Mittel das sie bekam. Schade dass wir nur 2 Stunden hatten.
Gegen 14 Uhr wurde mir dann wieder das Rote verabreicht. Vorher natürlich die Vorlaufgeschichte und anschließend der Nachlauf. Die Schwägerin meiner Zweitmama leistete mir an diesem Mittag Gesellschaft und überwachte meinen Port, um mir ein wenig die Angst zu nehmen, ich könnte nicht mitbekommen wenn was daneben läuft. Natürlich lief nichts daneben. Aber sicher ist sicher.
Als diese tolle Frau, die ich bereits zur Familie zähle – auch wenn wir nicht blutsverwandt sind – wieder weg war, verdödelte ich mir die Zeit indem ich den Laptop auspackte und ein vor kurzem erworbenes Offline-Spiel zockte. So ging die Zeit wirklich schnell rum. Bis zum Abendessen. Es gab das Standardtablett mit Roggen- und Vollkornbrot, Wurst und auch Käse. Ich hab so richtig schön reingehauen. Bis mir beim letzten Bissen Käsebrot plötzlich schlecht wurde. Ich legte es lieber beiseite. Der Laptop folgte kurz darauf.
Die erste Chemo hatte mir schon mein Lieblingssuchtmittel, meinen heißgeliebten Kaffee entwöhnt. Genauso wie Marmor- oder ähnliche Kuchen. Dieser Chemo fiel das Brot, die Wurst und der Käse zum Opfer. Schöne Scheiße. Auch das Spiel konnte ich im Nachhinein nicht mehr anrühren. Klingt seltsam, ist aber so. Als würde der Körper sich sämtliche Einflüsse merken, die zur Zeit der Chemo und kurz danach um ihn herum waren.
Ich habe mir gleich darauf etwas gegen Übelkeit geben gelassen, was leider nicht wirklich lange gewirkt hatte. Irgendwie war es diesmal heftiger als das Mal zuvor. Die Übelkeit zog sich bis zum nächsten Morgen.
Ein lieber Freund aus meiner Alien Info Gruppe meinte, ich solle die Übelkeit als Zwischenboss sehen, der nur kurz im Weg steht und dann schon wieder zu Boden geht. Ich mag meine Zockerfreunde! Daraufhin habe ich verraten, dass es in meinem Körper genauso aussieht, wie wir es als Kinder bei den „Es war einmal das Leben“- Folgen gesehen haben. Da sind die bösen, dunklen Krebsmännchen, die gegen meine Minispartaner kämpfen und so richtig eins auf den Deckel kriegen.
In der Frühe kam auch diesmal wieder eine Frau zu mir aufs Zimmer, die an diesem Mittwoch ihre Chemo kriegen sollte. Auch diese Frau war um einiges Älter als ich, wie die meisten, die mir hier über den Weg liefen. Auch wir tauschten wieder Erfahrungen aus. Sie zeigte mir ihre Narbe, ich zeigte ihr, welche Mittelchen ich so nehme, um meine Fingernägel zu schützen. Ihre waren schon recht dunkel und der eine Nagel hatte sogar ein kleines Loch. Das wollte ich für mich tunlichst vermeiden. Also wurde der Nagelhärter und das Nagelöl von nun an artig nach jedem Duschen auf Finger- und Fußnägel aufgetragen. Und manchmal auch noch zwischendurch.
Gegen 11 Uhr lautete meine nächste Gruppen-Nachricht: „Spaaaaaaaaaaaartaaaaaaa!“
Ich kam gerade von der Ultraschalluntersuchung und musste erstmal die hammermäßige Nachricht überbringen. Das Alien hatte sich bereits nach einer Chemo um 2 cm verkleinert und sah aus wie ein Blumenkohl. Das alles so richtig sehen zu können, war einfach nur toll! Sofort wusste man, wofür man sich so abkrebst und diesen ganzen Mist der Nebenwirkungen auf sich nimmt. Genau dafür!
Ein wenig später kam meine Mama und leistete mir noch Gesellschaft, bis ich mit ihr nach der Spritze nach Hause durfte. Zum Glück hatte ich nun schon ein paar Tabletten gegen Übelkeit, die ich direkt neben dem Kopfkissen parkte.
Die Nacht schlief ich 11 Stunden. Ich wachte nur gelegentlich mal auf, als mir schlecht war. Das sollte sich über den Tag auch nicht ändern. Ich habe mich übergeben und mal so gar keine Verbesserung der Übelkeit bemerkt. Das nervte schon ziemlich. Mal wieder war ich nur am Schlafen oder hing über dem Kotzeimer. Auch die Spritze machte sich durch Schmerzen im ganzen Körper, vor allem aber im Beckenbereich bemerkbar.
Am späten Nachmittag wusste ich dann auch nicht mehr, wie ich mich noch hinlegen sollte. Einerseits die Schmerzen durch das Neulasta, andererseits haben die Haarwurzeln angefangen weh zu tun. So, wie wenn man die Haare entgegen eines Wirbels drückt. Und das dauerhaft am ganzen Kopf. Da war klar: Die Haare müssen zeitnah ab!
Wenn ich mir durch die Haare strich, hatte ich wirklich wesentlich mehr von ihnen in der Hand, als man als normal bezeichnen könnte.
Am Samstag sendete mir eine liebe Bekannte ein tolles Bild und ein klasse Video zu. Bei „Race for the Cure“ in Köln ist sie unter anderem auch für mich gelaufen. Das sind genau die Aktionen, die einen urplötzlich zu Tränen rühren. Auch ihr Paket mit allerlei Leckereien, Motivationssprüchen, Geschenke für meine Tochter und vielem mehr hat mir nicht nur ein überwältigtes Lächeln ins Gesicht gezaubert.
Am Sonntag war mir endlich nicht mehr so übel. Die Tage davor habe ich seit der Chemo jeden Tag einmal gebrochen. Mein Körper baute immer mehr und mehr ab. An die 5 kg hatte ich jetzt schon in der kurzen Zeit abgenommen. Und das obwohl ich die Zeiten, in denen mir nicht kotzübel sondern nur übel war genutzt hatte, um etwas zu essen. Vorzugsweise die leckeren Kartoffeln, die in unserem Dorf angebaut wurden. Je nach Gelüsten eben. Einmal ist meine Zweitmama sogar zum Güldenen M gefahren, weil ich so eine Lust auf die labberigen Burger hatte (Danke, du bist ein Schatz!).
Am frühen Nachmittag kamen zwei meiner engsten Freunde zu mir. Mein Papa stellte seinen Barttrimmer zur Verfügung und los gings! Weg mit der Matte, damit ich endlich wieder besser schlafen kann. Die Schmerzen am Kopf wurden wirklich immer heftiger, so dass ich die Haare nur noch loswerden wollte. Die Frisur sollte ja ohnehin nur zum Übergang sein, bis sie mir ausfallen oder eben ab müssen. Und das war jetzt soweit!
Mein Papa holte seinen heißgeliebten, kabellosen Staubsauger und begann teilweise noch während der Rasur mit dem kleinsten Aufsatz, mir die Haare wegzusaugen. Wir hatten ordentlich viel Spaß und auch meine Tochter wandelte das kritische Gesicht schnell in ein Lachen um. Auch mit dem Ergebnis war ich überaus zufrieden. Das hat mein bärtiger Freund wirklich hervorragend gemacht. Erleichtert stellte er dann auch fest, dass ich es meinem Umfeld wirklich leicht mache, mit meiner Krankheit umzugehen. Ich rede offen darüber und mach hier und da auch mal meine Witzchen. So konnte die anfängliche Beklommenheit schnell verfliegen.
An dieser Stelle bedanke ich mich auch bei meiner Mama, die mein Köpfchen, als es noch in ihrem Bauch war, immer artig gestreichelt hat. Und auch dass man mich ohne Saugglocke oder ähnliches holen konnte. Es wurde nämlich direkt festgestellt, dass ich eine ganz passable Kopfform habe und dass diese verdammt kurzen Haare gar nicht mal so schlecht aussahen.
Am Dienstag war ich morgens wieder beim Gyn, um mir Blut abzapfen zu lassen. Schon beim Aufstehen habe ich gemerkt, dass ich ein Kratzen im Hals hatte und auch der Kopf zog sich irgendwie zu. Schöne Scheiße. Das hatte mir noch gefehlt. Die Ärztin meinte am Telefon ich solle wenn es nicht besser wird direkt Antibiotika holen und es nehmen, da die Gefahr für eine Angina sehr hoch wäre. Da das Fieber am nächsten Tag aber schon ohne Paracetamol runtergegangen war, sparte ich mir weitere Medikamente und entschied mich dazu, es eben auszusitzen. Auch wenn das hieß, dass ich ausgerechnet auf die Woche verzichten müsste, in der es mir eigentlich einigermaßen gut ging.
Am Samstag war es dann soweit. Die Haare fielen aus. Und wie! In der Nacht juckte mein Kopf ein wenig. Jedes Mal wenn ich mit der flachen Hand darüber strich, war sie anschließend voll mit meinen kurzen Stoppelhaaren. Als meine Zweitmama am Morgen nach mir sehen wollte, hob sie nur die Augenbrauen und meinte recht trocken „Ja, jetzt gehts langsam los.“. Als ich einen Blick in den Spiegel geworfen hatte, wusste ich nicht ob ich lachen oder weinen sollte. Ich sah aus wie ein alter Mann! Vorne an den Seiten waren schon alle Haare weg. Aber ein Streifen etwas dichterer Haare in der Mitte meines Schädels prangte mir entgegen und verspottete mich. So könnte ich nie im Leben herumlaufen.
Ein wenig niedergeschmettert ging ich raus in den Garten und began mir weiter mit der Hand die Haare abzustreifen. Es nahm und nahm einfach kein Ende und es schien so, als würde sie meine Greis-Frisur auch nicht verändern. Also holte ich wieder den Lieblingsstaubsauger meines Vaters und saugte mit gedrücktem Turboknopf meinen Kopf ab. Die Nachbarn dachten vermutlich ich habe sie nicht mehr alle. Aber wir setzen noch einen obendrauf! Meine Zweitmama kam auf die glorreiche Idee, Kreppband zu holen und mit der Klebeseite über meinen Kopf zu tupfen. Man glaubt es kaum aber das funktionierte am Besten! Fast alle dunkleren Haare waren im Anschluss verschwunden. So fühlte ich mich dann doch besser und konnte auch wieder in den Spiegel sehen ohne mich zu erschrecken und für ein altes Dreibein zu halten.
Am Montag rief ich nochmals in der Klinik an und erkundigte mich, ob ich in meinem Gesundheitszustand überhaupt eine Chemo bekommen kann. Es hieß ich solle erstmal normal vorbeikommen und dann wird zuerst wie immer nach dem Blut geschaut. Das waren ja tolle Aussichten. Eine Woche durch die Chemo außer Gefecht gesetzt, dann durch die Erkältung und dann wieder durch Chemo. Meine Laune war am Tiefpunkt angelangt.