Chemo – die Dritte! – Total ausgeknockt

Ich wollte überall sein, nur nicht hier. Doch ich war dort. Im Krankenhaus. Um genau zu sein im Wartebereich der Station. Nachdem es mir eine Woche lang dreckig ging und ich anschließend nochmal mit einer Erkältung flach gelegen habe, hat mir einfach ein wenig Zeit zum Auftanken gefehlt, die ich wirklich mehr als dringend benötigt hätte. Einfach die Seele baumeln lassen, vielleicht ein wenig zocken und mit meinen Zockerleuten blödeln, lachen, mich ablenken lassen. Oder einfach nur rausgehen und das wunderbare Wetter des Sommers genießen, das ich so sehr mag. 

Jedes Mal wenn mich Jemand angesprochen hatte, bin ich in Tränen ausgebrochen. Einfach so. Ich hasste es hier sein zu müssen und zu wissen, dass ich gleich wieder dieses Zeug in meine Venen getröpfelt bekomme, was dafür verantwortlich war, dass es mir so dreckig ging. Ich war nervlich einfach nur fertig, ausgelaugt und müde. Und ich war dort, um mir die gerade mal dritte Chemo abzuholen. Es lag noch so verdammt viel vor mir.

Irgendwann riss mich die liebe Ärztin aus meinen Gedanken. Ihr Lächeln verblasste prompt als sie mich mit den kullernden Tränen auf den Wangen sah. Auch als ich ihr erzählte warum ich weinte, konnte ich nicht damit aufhören.

Vermutlich wollte sie mich einfach aufbauen, ablenken und wieder positiv stimmen. Zusammen fuhren wir eine Etage tiefer, zu dem Raum wo nicht nur die Biopsie gemacht wurde, sondern sich eben auch das Ultraschallgerät befand. Und es klappte. Ich konnte immerhin kurz Lächeln, als sie mir vor Augen hielt, wofür ich diese ganze Scheiße auf mich nahm. Von ca. 4,3 x 4,4 x 4,4 cm war mein Alien auf ca. 3 x 4 x 1,24 cm geschrumpft.

Nach weiterer Warterei im Wartezimmer (die 3 ätzenden Ws) war dann auch endlich mein Zimmer für die Nacht fertig. Meine Heulerei auch. Ich hatte dann doch Beklemmungen, die Tränen vor wildfremden Frauen, vor allem eben welchen, die das gleiche durchmachen wie ich, frei laufen zu lassen. Schon im Wartebereich kam immer mal wieder eine ältere Asiatin vorbei, die kurz abcheckte ob das Zimmer schon fertig ist und dann wieder verschwand. Mit dieser doch recht angenehmen Frau durfte ich mir dann das Zimmer teilen. Wie immer tauschte man aus, wie man den Tumor gefunden hat, ob die OP vorher war oder nach der Chemo erfolgen sollte, Portsetzung, Art der Chemo und die groben familiären Verhältnisse. Same procedure as every day.

Gegen Mittag schaute dann wieder die Schwägerin meiner Zweitmama vorbei und brachte diesmal auch ein Buch mit. Nicht für sich oder mich, sondern für uns. Es war ein Buch, das sie zu ihrem Geburtstag bekommen hatte, mit Bildern aus ihrem Leben. Da wir uns ja erst kennengelernt haben als ich ein Teenager war, wo man ganz andere Dinge im Kopf hat, gab es wirklich nicht viel was ich von ihr wusste. Es war total schön, all ihren Geschichten zu lauschen. Reisen in ihrer Jugend, das Kennenlernen ihres Mannes und auch der Beginn ihrer Arbeit für einen Professor, der eine Koryphäe im Bereich Tumor-Pathophysiologie ist. So konnte das Rote relativ entspannt meinen Körper aufs Neue erobern. Und was noch wichtiger war – das Alien bekämpfen!

Wie immer überkam mich gegen Abend wieder diese aufsteigende Übelkeit, wogegen ich mir sofort etwas geben ließ. Das ist das praktische daran, so verschlaucht zu sein. Ruckzuck sind die kleinen Hilfsmittel wie Zofran im Körper und können Gutes tun.
Bei der Besprechung mit der herzlichen Onkoschwester am Vormittag musste ich natürlich ebenfalls wieder weinen. „Sie sind gerade ziemlich am Ende ihrer Nerven, kann das sein?“. Gut erkannt. Und gut gehandelt. Sie hatte dafür gesorgt, dass ich dieses Mal drei zusätzliche Tabletten eines Medikaments bekam. Emend. Es sollte nochmal speziell gegen die Übelkeit wirken. 125 mg vor der Chemo und an den nächsten zwei Morgen nochmal 80 g zum Nachlegen. Ein Wundermittel!

Auch am nächsten Tag, nach knapp 12 Stunden Schlaf, spürte ich wieder so eine Art Hintergrundübelkeit, die allerdings nicht so heftig war wie zuvor. Dennoch traute ich mich nicht zu essen. Nach den Erfahrungen mit dem Kaffee bei der ersten Chemo und dann auch noch mit dem Brot bei der zweiten, wurde der Chemotag zum Fastentag. Was allerdings auch kein großer Verlust war. Das Essen in dieser Klinik war einfach grauenhaft.

Wie immer bekam ich 24 Stunden nachdem die Chemo durchgelaufen war meine Aufbauspritze und durfte anschließend Nachhause.

Tag 2 nach Chemo war einfach nur geniales Wetter. Ich steckte meine Füße zu meiner Tochter ins Planschbecken und freute mich daran, dass mir kaum schlecht war. Nur dass die Augen immer mehr tränten, begann extrem zu nerven. Ich wusste ja, dass die Chemo arg auf die Schleimhäute geht aber das war ja sowas von überflüssig. Auch bei diesem Problem ging ich wieder homöopathisch vor. Genauso als sich mein Zahnfleisch ziemlich böse entzündete. Hier half es, einen lauwarmen Kamille-Teebeutel genau auf die Entzündung zu legen und immer mal wieder mit Salbei zu spülen. Was ich genau genommen habe, findet ihr hier.

An Tag 3 war ich sehr sehr müde. Das sollte sich auch die nächsten Tage nicht ändern. Selbst nach ein paar Treppenstufen war ich so erschöpft, dass ich mich erstmal hinlegen musste. Die Hitze war gar nicht mal das Problem. Normal wurde mir nach der Chemo immer mal wieder ziemlich kalt. Das blieb diesmal bei knapp 40 Grad aus. Angenehmer Nebeneffekt.

In den nächsten Tagen plagte mich noch fürchterliches Sodbrennen, wogegen mir meine Heilpraktikerin mit Basen-Infusionen und anderen kleinen Wunderheilmittelchen half. Es ist schon ätzend, wenn einem nicht mehr übel ist, man dafür aber nichts essen kann, weil der Körper völlig übersäuert ist und einem dank Magensäure alles direkt wieder hochkommt. Und das selbst bei einfachen Kartoffeln, die eigentlich basisch sind. Die kleinste Berührung von Essen und Magensäure löste bereits eine Explosion aus, bei der ich gerade noch rechtzeitig das Klo erreichte.

Ich mag intelligenten und makaberen Humor.

Ich mag intelligenten und makaberen Humor.

Ich hielt mich mit Kleinigkeiten oben. Bisschen shoppen hier, bisschen telefonieren und blödeln mit der besten Freundin da. Ein weiteres kleines Highlight war das Wochenende in meiner Wohnung. Es tat richtig gut, einfach mal wieder im eigenen Bett schlafen zu können. Ein Stück normales Leben. Fast so als wäre das alles gar nicht passiert. Doch ein Handgriff an meinen kahlen Kopf brachte mich schnell in die Realität zurück.

 

 

 


Dieses Mal will ich mich bei meiner besten Freundin bedanken.

Danke dass du immer für mich da bist, mir zuhörst, ich mich ausheulen kann und du mich dann immer wieder aufbaust und zum Lachen bringst.
Als ich dir von meiner Angst vor dem Haarverlust und der Schwangerschaft meiner Schwester erzählte, meintest du ganz trocken: „Hey! Dann habt ihr wenigstens die gleiche Frisur wenn ihr Kind zur Welt kommt!“. Und schon musste ich lachen und konnte um einiges besser damit umgehen.
Du bist die Frau, die den Männern an meiner Seite droht, sie sollen mich gut behandeln, weil du ihnen sonst in den Arsch trittst. Und ich weiß du würdest es tun, wenn ich es zulassen würde!
Als mein Kind das erste Mal so richtig krank und ich wegen dem hohen Fieber schon fast panisch war, hast du nicht gezögert zu mir zu kommen, mir alles hilfreiche was dir eingefallen ist mitzubringen und mir mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Das werde ich dir nie vergessen!

Wenn es mir schlecht geht und ich dich anrufe, weiß ich definitiv dass ich am Ende wieder lachen werde. Selbst wenn wir vorher Wochen lang nichts voneinander gehört haben.

DANKE!

Ich bin wahnsinnig froh dass es dich gibt. Du bist defintiv einer meiner Lieblingsmenschen!

Ein Gedanke zu „Chemo – die Dritte! – Total ausgeknockt

  1. Birgit Rühl sagt:

    Hi Julia,
    berührt mich sehr, was du geschrieben hast.
    Und Glückwunsch; du bist Tante geworden!
    Wünsche dir, dass es aufwärts geht und die ständige Unsicherheit durch Zuversicht und Freude ersetzt wird. Ja, das wünsche ich von Herzen.
    Grüße aus dem heute verregnete München,
    Birgit

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