Chemo – die Vierte! – Überraschend anders

So fühlten sich also körperliche Grenzen an. Ein beklemmendes Schwächegefühl, das den ganzen Körper lahmlegt, durch Übelkeit, Sodbrennen und Appetitverlust 10 kg weniger auf der Waage und dann noch diese ständig tränenden Augen – selbst wenn man mal nicht heult. 

Ich würde mich nicht als jemanden beschreiben, der regelmäßig in Selbstmitleid zerfließt. Im Gegenteil. Ich bezeichne mich immer gern als Stehaufmännchen. So vieles hat mich in meinem Leben schon umgehauen und ich habe mich jedes Mal wieder aufgerappelt. Die Trennung meiner Eltern mitten in meiner Pubertät hat mir nach ein wenig Abstand und Zeit des Erwachsenwerdens viele neue, liebe Menschen in mein Leben gebracht, die ich nicht mehr missen möchte. Beziehungen, bei denen ich schwer enttäuscht, belogen, betrogen, finanziell über den Tisch gezogen wurde und auch Handgreiflichkeiten ausgesetzt war, haben mich vorausschauender und stärker gemacht. Jobs, die ich durch blöde Umstände verloren habe oder bei denen ich ausgenutzt und aufs Übelste gemobbt wurde, haben mich zielstrebiger, geduldiger und abgebrühter gemacht. Die Zeiten des Alleineseins haben mich ruhiger, selbständiger und durchsetzungsfähiger gemacht.

Dennoch ist es uns erlaubt auch mal traurig zu sein. Wenn nicht jetzt, wann dann? Krebsbetroffene befinden sich einfach in einer bescheidenen Lage, die wie aus dem Nichts das ganze Leben über den Haufen wirft und umkrempelt, uns in Abhängigkeiten drängt, in die wir gar nicht wollen. Wir wollen einfach nur unser stinknormales Leben weiterführen. Mit all den Verletzungen und Veränderungen, die uns reifen lassen. Gerade wenn man es so sehr gewohnt ist, sein eigenes Ding zu machen, wann und wie man selbst möchte, fällt es einem mehr als nur schwer, immer auf andere Menschen angewiesen zu sein. Wenn man gerade mal wieder nicht einmal mehr sitzen kann, ohne dass einem schwarz vor Augen wird, wie soll man sich etwas zu essen machen? Sich um sein Kind kümmern? Oder um all die anderen Dinge die erledigt werden wollen? Ohja! Wir dürfen verdammt nochmal auch mal weinen!

Die Träne ist die Sprache der Seele und die Stimme des Gefühls. (Filippo Pananti).

Und genau das tat ich auch vor dieser Chemo wieder. Allerdings erst, nachdem ich wieder die traditionellen zwei Stunden mit einer Frau im Zimmer verbrachte, die am Vortag ihre Chemo bekommen hatte. Das erste Mal begegnete mir dabei eine Frau in meinem Alter. Das erschreckende war, dass diese 34-jähriger Frau schon zum zweiten Mal wegen Brustkrebs eine Chemo machte. 6 Jahre zuvor machte sie diesen ganzen Mist schon mal durch, bekam nach der ersten Chemo sogar nochmal ein Kind.

Als die Frau dann gehen durfte und ich die ersten üblichen Gespräche und die Blutabnahme hinter mir hatte, lag ich gerade so schön faul im Bett herum, als mir die neue Ärztin mitteilte, dass es diesmal keinen Ultraschall geben würde. Da die Ärzte in der Frauenklinik wohl alle paar Monate zwischen Kreißsaal und Brustzentrum rotieren, gab es nun einiges an neuen Gesichtern. Und dieses teilte mir etwas mit, was mich noch mehr runter gezogen hatte.

Ich war wieder mit meinen Gedanken und vor allem Ängsten allein. Tränen erlagen der Schwerkraft und kullerten meine Wangen hinab. Plötzlich war ich wie außer Atem, begann zu hyperventilieren, hatte Herzrasen und Schweißausbrüche. Mein ganzer Körper schrie danach, einfach raus zu rennen, hier abzuhauen. Er wusste, dass das was nun folgen würde, ihn wieder komplett lahmlegen wird. Ich hatte eine ausgewachsene Panikattacke.

Ich unterdrückte den Drang, mir meine paar Sachen zu schnappen und einfach nur noch zu flüchten und erinnerte mich an eine Methode, die mir ein lieber Bekannter der Zockerei vor wenigen Tagen erzählt hatte. Es ist eine Klopftechnik, die verschiedene Akupunkturpunkte anspricht. Ich atmete tief durch und klopfte mir erst mit dem Finger zwischen die Brauen, dann zwischen Nase und Mund, anschließend auf diese kleine Kuhle zwischen Mund und Kinn und zum Schluss auf das Brustbein. Wiederholte es. Das leichte Abklopfen dieser mittigen Punkte half mir dabei, auch meine Mitte wieder zu finden und ich beruhigte mich allmählich.

Die nächste Stunde verbrachte ich damit, mir Videos über genau diese Technik anzusehen und wiederholte nochmal eine Übung, bei der man sein Unterbewusstsein darauf polt, dass alles vorbei geht und jede noch so unangenehme Situation ein Ende hat. Und schwupps! Hatte sie ein Ende und die Ärztin von zuvor steckte den Kopf zur Tür rein. Sie meinte sie hätte nochmal mit meiner Ärztin vom Anfang gesprochen und diese hätte gemeint, wir würden bei mir jedes Mal Ultraschall machen, ich solle direkt runterkommen. Tschakka!

Wieder einmal konnte ich mir Dank dieses Engels im Arztkittel vor Augen halten, wofür ich diese ganze Scheiße mache. 2,85 x 1 x 2,3 cm waren das Ergebnis. Auch der einst 4 cm große Lymphknoten war gewaltig geschrumpft. Die Ärztin versicherte mir auch nochmal, dass wir jedes Mal Ultraschall machen würden, sofern sie im Haus ist.

Zurück auf meinem Zimmer wurde der Port dann auch sofort angestochen und ich bekam den klassischen Vorlauf. Allerdings mit einem Fläschchen mehr als sonst. Ich sollte zum ersten Mal das Paclitaxel bekommen, was Allergien auslösen kann. Damit genau das nicht passiert, wurde mir ein Antiallergikum verabreicht. Eine Schwester wies mich noch darauf hin, dass manche Frauen sich die Hände und Füße kühlen würden, wenn sie das Mittel bekommen. Das verschlechtert die Durchblutung an den gekühlten Stellen und soll somit dafür sorgen, dass das Zytostatikum nicht so sehr in Finger und Füße geht. Zumindest für die Hände hatte ich gleich mal ein paar Kühlpads geordert.

Meine Mama war mittlerweile auch bei mir. Während wir uns unterhielten wurde ich auf einmal immer schläfriger. Für gewöhnlich schlief ich die Nacht vor der Chemo sowieso nicht viel aber diese Müdigkeit war schon nicht mehr normal. Ich kämpfte richtig dagegen an, dass mir die Augen zufielen. Meine Mutter bestärkte mich dann darin, dem Drang meiner Lider nachzugeben und ich fiel in einen wunderbaren Dornröschenschlaf.

Leider hat mich kein Prinz wach geküsst sondern eine Schwester kam ins Zimmer gepoltert. Ich hatte tatsächlich die gesamte Zeit verschlafen, in dem das Taxol in meinen Körper lief. Das waren geschlagene drei Stunden. Im Gegensatz zu dem Roten musste das Mittel kontrolliert über drei Stunden in meinen Körper gelangen. Da erst um 17:30 Uhr der letzte Tropfen seinen Weg in meine Blutbahn gefunden hatte, hieß das für mich, dass ich die Spritze auch erst wieder so spät am nächsten Tag bekommen kann. Somit war ich die nächsten Stunden damit beschäftigt, Fahrer für den nächsten Tag zu finden. Wer will schon freiwillig länger als nötig in einem Krankenhaus bleiben? Ich jedenfalls nicht. Schon gar nicht nachdem mir mittlerweile selbst bei dem Geruch der Bettwäsche schlecht wurde. Zum Glück hat mir meine Zweitmama einen Kissenbezug mitgegeben, der extra mit einem anderen Waschmittel gewaschen wurde, damit ich nicht auch noch Aversionen gegen das normale bekommen würde. Tricky.

Den Abend verbrachte ich hauptsächlich damit, Blödsinn in meiner Alien Gruppe bei Whatsapp zu schreiben. Wir diskutierten darüber, ob Prinzen der heutigen Zeit eher Motorräder oder Fahrräder statt eines Pferdes haben und ich präsentierte ein Bild der viel zu langen Nadel, die sie diesmal für den Port benutzt haben. Die war dann auch Schuld daran, dass ich mich kaum getraut habe mich zu bewegen. Ich schwörte mir selbst, dass ich mich nie wieder mit „Ich habe jetzt nur noch lange Nadeln da.“ abspeisen lassen würde und wagte es nicht einmal mich auf die Seite zu drehen, um besser einschlafen zu können. Die Schwester die gegen 2 Uhr nach mir schaute, war dann doch ein wenig verdutzt, als ich ihr ein hellwaches „Hallöchen“ entgegen schleuderte als sie nach mir sehen wollte.

Am nächsten Morgen sah ich ein wenig seltsam aus. Ein Ausschlag hatte sich in meinem Gesicht ausgebreitet, der mir lustige Rötungen verpasste. Da es aber weder juckte noch schmerzte, schenke ich dem keine große Beachtung. Ich konnte Spiegel ja einfach meiden und musste es somit nicht mal sehen. Nach ein paar Stunden habe ich ihn dann auch erfolgreich weg ignoriert.

Glücklicherweise ließen sich Fahrer organisieren, so dass ich nicht den ganzen Tag in der Folterkammer bleiben musste. So habe ich wenigstens auch mal wieder einen Bekannten gesehen, den ich zuletzt vor ein oder zwei Jahren gesehen hatte. War schön sich mal wieder zu unterhalten. So von Angesicht zu Angesicht und nicht von Chatzeile zu Chatzeile.

Am nächsten Tag spürte ich gleich am Morgen die Spritze. Mein ganzer Körper tat weh. Aber noch war es aushaltbar. Das wichtigste war, dass mir nicht einmal im Ansatz übel war. Kein Stück. So überhaupt gar nicht. Das war ungewohnt. Aber mehr als willkommen. Ein leichtes Kribbeln hatte ich in den Fingerspitzen, was mich ein wenig überraschte. Ich hatte nicht so schnell damit gerechnet. Während ich nur nachts auf Schmerzmittel zurückgriff, um wenigstens in Ruhe schlafen zu können, änderte sich die ersten Tage nicht viel an meinem Wohlbefinden.

Aber ein Gedanke lies mich nicht mehr los. Der Gedanke, den ich schon vor der Chemo hatte. Alles aufzuschreiben, was ich während der Chemo erlebe, wie ich sie erlebe, was ich fühle, was mich beschäftigt und wie es mir geht. Wenn nicht jetzt, wann dann? Fragte ich mich wie so oft. Ständig schieben wir Dinge vor uns her. Irgendwann werde ich…. Ich drehte den Satz um und ließ das letzte Wort weg. Ich werde…. Und zwar jetzt! Den ersten Teil meines ersten Artikels habe ich tatsächlich im Wartebereich des Brustzentrums geschrieben. Aber ich wollte dass es weiter geht. Für mich und auch für andere. Viele Leute haben mir die Frage gestellt, für wen ich den Blog mache. Für mich oder für andere. Die Antwort ist: Beides!

Natürlich ist es ein Weg für mich, mit all dem klar zu kommen, aufzuarbeiten und vor allem zu verarbeiten. Aber ich will auch Außenstehenden einen Einblick gewähren und Betroffenen Mut machen, ohne die bittere Wahrheit zu verschweigen, die sie früher oder später sowieso einholt.

Also brauchte ich nur noch einen Namen. Mein Handy stand gar nicht mehr still, nachdem ich in meiner Gruppe nach Vorschlägen und Ansätzen fragte. Es waren die lustigsten Dinge dabei, wie FrustkrebsBrustalien oder Krebs zum Frühstück. Am Ende habe ich mich aus einer Mixtur zweier Vorschläge entschlossen. Ihr wisst ja alle was rausgekommen ist.

Blödsinn machen

Blödsinn machen

Nachdem der Webspace geordert war und ich mich zum ersten Mal wieder fit genug fühlte um Auto zu fahren, bin ich gleich mal mit meinem Töchterlein shoppen gegangen. War das ein fantastisches Gefühl! Diese Unabhängigkeit, einfach mal rauskommen und vor allem Spaß haben. So sind wir danach direkt noch auf den Spielplatz gefahren und waren Eis essen. Das Leben ist schön.

Auch meine Blutwerte waren irgendwie anders. Eine Woche nach der Chemo lagen die Leukozyten immer bei 2 – 3 (Normalwert ist 4-10). Aber dieses Mal schossen sie auf 32 hoch. Danke, Neulasta. Die Schmerzen, die sich als schmerzende Nervenenden herausstellten, bekam ich dank Heilpraktikerin auch immer besser in Griff. Hier und da eine Heiße 7 und schon war es erträglicher. Und das ganz ohne weitere Schmerzmittel.

Ich kostete die Zeit des Aufrecht-stehen-könnens-und-mehr in vollen Zügen aus und stattete auch der Firma, für die ich arbeite einen Besuch ab, der viel länger ausgefallen ist als eigentlich geplant war. Es war so schön, mal wieder dort zu sein, die ganzen Kollegen und Chefs zu sehen und mit ihnen zu reden. Während der eine meine Tochter bespaßte und sie auf seinem Stuhl durchs Büro drehte, konnten wir ein wenig über meine Krankheit und die Arbeit plaudern. Ich hätte am liebsten die Zeit vorgedreht, so dass alles schon vorbei ist und ich mich wieder ins Arbeitsgetümmel stürzen kann. Es gibt ja so viel zu tun!

Was an diesem Tag ebenfalls anfing, war dass meine Hände juckten. Erst hatte ich Panik, meine Tochter hätte aus der KiTa die Hand-Fuß-Mund-Krankheit angeschleppt. Doch die Pickelchen blieben aus. Das Jucken dagegen wurde stärker, häufiger und damit auch nerviger. Da wusste ich noch nicht, dass das erst der Anfang war…


Heute möchte ich mich bei meinen Kollegen und meinen Chefs bedanken!

Nicht nur dass ihr euch mit einer nur für mich gefertigten Mütze mit Firmenlogo an meiner Mützenaktion beteiligt, sondern auch für die ganzen lieben Worte, die angebotene und auch geleistete Hilfe, die teilweise aus Richtungen kam, aus der ich sie gar nicht erwartet hätte und den Rückhalt.

Nicht nur dass mir versichert wurde, dass ich mir um meinen Job keine Gedanken machen muss, gebt ihr mir das Gefühl, dass ihr mich und meine Arbeit wertschätzt. Es ist das erste Mal in meinem Arbeitsleben, dass meine Mühe und meine Fähigkeiten gesehen und anerkannt werden und das fühlt sich irre toll an!

Ich bin wirklich froh, dass mir dieser Job so unerwartet zugeflogen ist. Ich wüsste keine Firma, für die ich lieber arbeiten würde!

Danke!

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