Was zu Hölle…?! Die Worte Tumor, Chemotherapie und gut in einem Satz? Ich habe gerade von der Chemo ja schon alles gehört, nur nicht dass sie gut sein soll!
Die ersten Gedanken schießen sofort zu der häufigsten Nebenwirkung – dem Haarverlust. Ich habe meine Haare damals mit 16 abschneiden lassen. Jahre lang quälte ich mich damit herum, jeden Tag aufs Neue Gel, Haarwachs oder irgendwas anderes in meine dazu auch noch blondierten Haare zu schmieren. Es dauerte Jahre und viele Nerven, bis sie endlich ihren Weg über meine Schultern gefunden hatten. Ich genieße es so sehr, ständig andere Frisuren machen zu können und vor allem mir einfach nur die Haare zu kämmen und schon empfangsbereit sein zu können. Und jetzt soll ich zusehen wie sie mir ausfallen, während meinem ganzen Körper dieses Gift verabreicht wird, das außerdem eine höllische Übelkeit hervorrufen soll. Ich schob den Gedanken erstmal weg und orientierte mich an dem, was mein Vater vor ein paar Jahren durchlebte. Ohne Chemo.
Den Rest, den die Radiologin erzählte, hörte ich gar nicht mehr wirklich. Mein Hirn klinkte sich einfach aus und das einzige das noch lief, waren die Tränen. Und das Auto, was uns direkt wieder zu meinem Frauenarzt brachte.
Dieser griff gleich wieder das Thema auf, das nun meine größte Angst darstellte. „Sie werden ziemlich sicher eine Chemotherapie mitmachen müssen.“ Und schon wieder Worte, die ich niemals in meinem Leben hören wollte. Das Nächste das ich mitbekam, war die Auswahl des Krankenhauses, bei dem er mich anmelden soll. Da ich auf diesem Gebiet doch eher unerfahren war, verließ ich mich voll und ganz auf seine Empfehlung und ließ mir einen Termin im KKM in Mainz geben. Schon in einer Woche sollte ich dort vorstellig werden.
Als wir wieder zu meinen zu meinem Vater fuhren, fing erstmal das große Heulen an. Meine Schwester stürzte direkt von der Arbeit weg und kam ebenfalls zu uns. Es wurden viele Dinge angesprochen, die mein ratterndes Hirn nicht wirklich oder nur zum Teil wahrgenommen hat. Es kommt einem vor, wie in einem Albtraum. Man will nur noch aufwachen und erleichtert durchatmen, weil doch alles nicht wahr ist und der Kopf einem nur einen bösen Streich gespielt hat. So kommt es mir auch heute noch vor.
Nachdem meine Familie bewies, wie stark ihr Zusammenhalt ist, war mir erstmal nach Frustshoppen. Und was shoppt eine Mutti am liebsten? Klar! Dinge für ihr Kind! Also fuhren wir fünf Mädels gleich mal los zu einem Outlet für Kleidung und Kinderspielzeug. Meinen Vater verschonten wir in weiser Voraussicht und endloser Güte.
Die nächsten Tage war an Ruhe und Erholung nicht zu denken. Die Gedanken schwirrten ständig um das eine Thema und befassten sich mehr damit als mir gut getan hätte. Irgendwann schlich sich dann auch der Gedanken ein, das komische Ding in meiner Brust könnte sich auch schon woanders in meinem Körper eingenistet haben. Der Gedanken fraß mich förmlich auf und schnürte mir die Kehle zu. Pure Todesangst machte sich breit. Das ging so weit, dass ich sogar Angst hatte, einfach nur einzuschlafen. Hätte ja sein können, dass ich gar nicht mehr aufwache, weil mein ganzer Körper schon befallen ist. Wer weiß wie lange das Teil schon sein Unwesen in mir treibt. Und ich Idiot wartete auch noch vier Wochen, bis ich endlich zum Arzt gegangen bin. Vier Wochen, die gerade bei so einer Diagnose so verdammt wichtig sein können. Und plötzlich kreisten die Gedanken um Themen wie Was passiert mit meinem Kind, wenn ich jetzt einfach umfalle und tot bin? Es ist ein ziemlich heftiges Gefühl, sich wirklich mit dem eigenen Tod auseinander zu setzen. Vor allem, wenn er einem gerade so nah vorkommt.
Kurzerhand entschied ich dann, das Angebot meines Vaters und seiner Frau anzunehmen und erstmal zu ihnen zu ziehen. Ich kannte das Gästezimmer bereits durch eine Nacht, in der es mir mal ähnlich ging. Und da sie im gleichen Ort wohnen, die Kita meiner Tochter ebenfalls nicht weit ist, packte ich meine wichtigsten Sachen und zog bei ihnen ein.
Am darauffolgenden Samstag fuhren wir wieder zu dritt in die radiologische Praxis, um eine Magnetresonanztomographie (MRT) machen zu lassen. Mittlerweile fühlte ich mich wie ein Puzzle. Und meine linke Brust war das erste unbeschädigte Puzzleteil, das ich neben das kaputte der rechten Brust setzen durfte.
Auf den MRT-Bildern konnte ich den Tumor, den ich liebevoll „Alien“ getauft habe, aus allen Perspektiven begutachten. 6,57 cm x 5,69 cm hat er gemessen. Ein ganz schöner Oschi. Viele Leute fragen, ob ich vorher nichts bemerkt habe, gerade wegen der Größe. Manchmal würde ich am liebsten sagen, ich hätte bewusst nichts gemacht, weil ich mir wünschte, dass mir noch eine dritte Brust wächst.
Natürlich habe ich es nicht wirklich wahrgenommen. Es kommt ja oft vor, dass eine Brust größer ist als die andere. Ich habe das mal schön auf die Schwangerschaft geschoben. Nach so einer Tortur macht der Körper ja oft die irrsinnigsten Dinge. Sowas wie schneller zunehmen zum Beispiel oder er verwandelt dich an gewissen Stellen deiner Gestalt in ein Streifenhörnchen.
Wer rechnet auch damit, mit 32 Krebs zu haben? Ich jedenfalls nicht…