Diesmal schneide ich eines der Themen an, das mich selbst heute, ein Jahr nach der Chemo noch beschäftigt. Der Umgang mit Krebserkrankten im Freundeskreis bzw. der Familie. Immer wieder stellen mir Leidensgenossen die selbe Frage: „Meine Freunde ziehen sich zurück oder behandeln mich seltsam. Ging es dir auch so?“ Meine Antwort ist: Ja!
Daher nehme ich das Thema nun einmal unter die Lupe und versuche euch den einen oder anderen Tipp oder Denkanstoß zu geben, wie ihr als Außenstehende uns Betroffene vielleicht besser verstehen könnt. Und andersrum.
Beginnen wir mit der…
Diagnose
Erhält man die Diagnose Krebs, hört die Welt plötzlich auf sich zu drehen und die eigene Illusion der Unsterblichkeit zerplatzt wie eine Seifenblase. Schockstarre, Überforderung, Angst! Wer schon mal einen Autounfall oder ein ähnliches unschönes Erlebnis hatte, weiß wie sich der Moment anfühlt, in dem das Auto beginnt sich um die eigene Achse zu drehen. In Millisekunden realisierst du, dass du entweder Glück hast, nirgends gegen knallst und kein anderes Auto in dich reinrauscht oder dass diese Herzschläge deine letzten sein werden. Für mich hielt genau dieses betäubende Gefühl nach der Diagnose über mehrere Tage an. Mal mehr, mal weniger. Aber immer präsent. Ja, so eine Nachricht würde ich als Nahtoterfahrung bezeichnen. Dazu noch die Ungewissheit, die einen innerlich auffrisst, da man eben nicht weiß ob es schon gestreut hat oder nicht. Heute würde ich behaupten, dass das die übelste Zeit war.
Und dann sind da noch unsere Mitmenschen, unsere engsten Vertrauten, die Familie. Auch bei ihnen kommen Ängste hoch, einen geliebten Menschen verlieren zu können. Und das schlimmste: Sie müssen machtlos daneben stehen und können nichts für einen tun, was lebensrettend sein könnte. Alle Menschen gehen anders mit ihren Ängsten um. Manche reden, andere recherchieren und nochmal andere ziehen sich zurück, igeln sich ein. Gerade bei Partnern habe ich oft mitbekommen, wie sie Reißaus nehmen sowie das Thema Krebs aufkommt. Sie halten es einfach nicht aus, damit konfrontiert zu werden. Aus purer Angst sie könnten diesen einen Menschen, der ihnen so wichtig ist, verlieren.
Außenstehenden möchte ich sagen, dass wir Betroffenen zu diesem Zeitpunkt nicht die Kraft haben euch zu trösten. Auch wenn wir gern würden. Aber jetzt geht es um uns und unseren Kampfgeist. Und was den angeht, könnt ihr tatsächlich etwas tun! Ihr müsst nicht völlig machtlos daneben stehen! Ihr könnt uns in dem Kampf unterstützen, uns sagen dass alles wieder gut wird, weil wir zusammen kämpfen werden! Weil aufzugeben nicht in Frage kommt. Ihr könnt uns in den Arm nehmen und uns heulen lassen. Vielleicht sogar mit euch zusammen. Ihr könnt uns zu Arztbesuchen begleiten oder noch besser: Uns hinfahren. Ihr könnt uns bei der Vorbereitung auf die Chemo helfen, zusammen mit uns eine fesche Kurzhaarfrisur aussuchen und zum Frisör jagen oder wenn die Zeit gekommen ist, den Haarschneider zücken und euch an unserem Kopf austoben. Bringt uns zum Lachen. Gebt uns ein wenig Leichtigkeit zurück. Das wichtigste beim Kampf gegen den Krebs ist die Lebens- und Kampfeinstellung, sich selbst nicht aufzugeben. Helft uns dabei!
Betroffenen möchte ich sagen, dass es immer wieder Menschen geben wird, die keinen Weg finden damit umzugehen. Vielleicht haben sie selbst in der Familie oder dem Freundeskreis eine ähnliche Situation gehabt und haben so ihre Vorgeschichte. Oder genau das Gegenteil ist der Fall und sie wurden mit so ernsten Krankheiten nie konfrontiert, sind überfordert, wissen nicht was sie sagen sollen. Nehmt es ihnen nicht übel. Sie ziehen sich zurück weil sie euch nicht verletzen wollen oder vielleicht alte Wunden aufgerissen wurden. Vielleicht kann man nach durchstandener Behandlung in Ruhe darüber reden. Zumindest sollte man bis dahin den nötigen Abstand dazu haben. Oder aber ihr versucht ihnen zu erklären, was ihr euch wünscht. Sagt ihnen frei raus, wie sie mit euch umgehen sollen. Alleine dadurch könnt ihr ihnen so viel Scheu nehmen. Eventuell verraten sie euch dann sogar wo genau ihr Problem liegt oder denken zumindest selbst darüber nach.
Besonders schön zu beobachten fand ich, dass manche Leute, mit denen man eigentlich gar nicht gerechnet hat, plötzlich für einen da waren.
Gesprächsthemen / Aktivitäten
Natürlich dreht sich für einige Krebsler erstmal alles um den Krebs. Immer wieder driften Gespräche mit uns auf das Thema ab, bis es euch vielleicht schon zum Hals raushängt. Das hat aber nichts damit zu tun, dass wir uns in den Mittelpunkt bringen wollen. Es ist vielmehr so, dass wir uns zum Einen einfach damit auseinandersetzen müssen, damit wir diesen heftigen Lebenseinschnitt irgendwann verarbeiten können und zum Anderen, dass sich für uns manche Ansichten durch die Krankheit ändern. Wir achten zum Beispiel plötzlich mehr auf unsere Ernährung, durchforsten unseren Badezimmerschrank nach fragwürdiger Drogerie oder versuchen uns durch viel mehr Sport fitter zu halten. Wir erachten diese Dinge, die uns vorher vielleicht egal(er) waren nun als super wichtig. Oftmals suchen wir nach Gründen. Dem „Warum ich?“. Diese Dinge geben uns das Gefühl, wir könnten verhindern dass wir das alles nochmal durchstehen müssen. Und wenn es uns doch nochmal erwischt können wir wenigstens sagen, wir haben alles dafür getan dass es nicht wieder passiert. Und wenn wir euch davon vollblubbern, dann tun wir das nur, weil uns etwas an euch liegt und auf gar keinen Fall wollen, dass ihr ähnliches durchmachen müsst.
Natürlich gibt es auch das andere extrem (hab ich gehört). Manche Krebskranke meiden das Thema, wollen am liebsten gar nichts davon wissen. Zwingt sie nicht. Wenn sie es so sehr ignorieren, halten sie eine Konfrontation vielleicht einfach nicht aus. In dem Fall hilft Ablenkung. Unternehmt etwas (soweit möglich) oder zieht euch einfach nur einen schönen Film rein, redet über die Dinge, die vorher auch eure Themen waren.
Leben und leben lassen.
Interessant finde ich immer die Leute, die versuchen ihre Anteilnahme auszudrücken, indem sie von anderen Leuten erzählen, die Krebs haben oder hatten. Ich habe irgendwann aufgehört mitzuzählen, von wie vielen anderen Krebsfällen mir schon erzählt wurden, bei denen ich nicht mal im entferntesten wusste um wen es geht. Besonders lustig wird es wenn ihnen dann im Gespräch einfällt, dass besagte Person ja gestorben ist. Genau das was wir hören wollen. Diese Erzählungen halten einem Betroffenem immer wieder vor Augen, wie heftig Krebs ist. Dass man quasi gerade noch so von Messers Schneide gehüpft ist. Nicht wirklich schön. Manchmal haben Betroffene auch Momente, in denen sie auf sowas wirklich gar nicht klar kommen. Da kann man mit so einer Erzählung schon mal eine kleine Panikattacke auslösen. Daher mein Rat, mit solchen Erzählungen lieber vorsichtig zu sein. Lieber vorher mal sachte abklopfen, wie gefestigt der Krebspatient vor euch ist.
Stattdessen könnt ihr euer Interesse zum Beispiel damit zeigen, dass ihr einfach mal fragt, wie es uns mit der Chemo so geht. Die Nebenwirkungen einer solchen können wirklich extrem unterschiedlich sein. Ihr könnt uns auch fragen wann wir denn mit allem fertig sind, ob wir schon Pläne für danach haben und und und. Die Krebsler die ich kennengelernt habe sind wirklich aufgeschlossen und hatten keinerlei Probleme damit über ihre eigene Geschichte zu berichten. Im Gegenteil. Da kommen wir wieder zum Thema Auseinandersetzung und Verarbeitung.
Nach der Behandlung
Nach erfolgreicher OP, Chemo und/oder Bestrahlung geht scheinbar die ganze Welt davon aus, dass wir wieder funktionieren wie zuvor. Vor allem wir selbst. Es war ein ziemlich harter Schlag für mich zu sehen, wie langsam sich der Körper und auch die Seele regeneriert. Kopfmäßig sind wir noch voll bei der Zeit von vor der Diagnose und erwarten dass nun schnellstmöglich wieder alles so läuft wie damals. Auf einmal stehen wir aber am Fuß der Treppe, schauen nach oben und stellen fest dass wir nicht mehr die Kraft haben, bis ganz nach oben zu gehen. Sie ist einfach nicht da. Es ist aber doch nur eine Treppe. Und vorher ging es doch auch. …Jetzt aber nicht mehr. Ich weiß gar nicht wie ich das Gefühl beschreiben soll. Wir fühlen uns kraftlos, genervt und frustriert. Manchmal auch unnütz. Wir wollten doch nach dem ganzen Mist wieder so richtig durchstarten und das Leben genießen und jetzt schaffen wir es nicht einmal ein Stockwerk ohne Schnappatmung zu erklimmen. Und das zuzugeben ist auch nochmal so ein Thema für sich. Auch wenn wir unsere Haare und zum Teil Gewebe verloren haben, so ist unser Stolz noch da. Wir sehen auch nicht mehr so fertig aus wie zur Chemozeit. Fühlen uns aber kaum besser.
Und da wird es dann auch für unsere Mitmenschen echt schwer. Wir gaukeln ihnen vor dass es uns super geht, weil wir ja so tolle Kämpfer sind. Dabei betteln wir schon innerlich endlich wieder auf die Couch fallen zu können, ignorieren die Gelenkschmerzen und sind froh wenn wir uns am nächsten Tag überhaupt noch an ein Gespräch erinnern können. Dazu dann noch diese stetigen Ängste eines Rezidivs. Während der Behandlung wurden wir engmaschig untersucht, durch jede Etappe ärztlich begleitet und beraten. Und jetzt sind wir plötzlich auf uns allein gestellt. Vor jedem Nachsorgetermin werden wir nervöser, vielleicht sogar leichter reizbar. Wir gehen auf dem Zahnfleisch und sind das reinste Nervenbündel bis wir endlich die erlösende Nachricht erhalten, dass alles in bester Ordnung ist. Aber nach außen sind wir wieder die Alten, nur mit kürzeren Haaren.
Daher ist meine Bitte an alle Außenstehende Nachsicht und Verständnis zu zeigen. Fordert nicht so viel von uns ab, das machen wir schon selbst. Nehmt es uns nicht übel, wenn wir etwas vergessen, ein Treffen absagen oder unsere Wohnung aussieht als hätte eine Bombe eingeschlagen. Die Chemo hat auf jede Zelle unseres Körpers geschlagen. Und unser ganzer Körper besteht aus Zellen. Gebt uns bitte Zeit um uns zu erholen. Vor allem wir selbst sollten das tun! Dann bleibt der Haushalt eben mal liegen. Dann gehe ich eben statt dreimal die Woche erstmal nur einmal die Woche zum Sport. Macht es euch nicht selbst schwerer als es sein müsste. Findet das für euch passende Maß, um voran und zu eurem alten Elan zurück zu kommen.
Schlusswort
Natürlich ist das hier keine generelle Gebrauchsanweisung für Krebskranke. Es soll viel mehr eine Anregung sein, besser mit dem Thema umgehen zu können. Aber im Endeffekt liegt man mit Offenheit und Ehrlichkeit immer richtig. Wenn ihr gar nicht wisst wie ihr mit einer Person umgehen sollt, fragt sie wie sie es gern hätte. Das klappt übrigens in beide Richtungen.
Wir sind immernoch wir – nur anders.
Bis dahin… wir sprechen uns! 😉
Ich bewundernde dich sehr . Ich glaube ich würde den Weg nicht gehen den du bereits hinter dir hast . Hut ab .